Rosa in Grau. Was für ein Kontrast: rosafarbene Tupfen in kahlem Grau-Braun, angestrahlt vom gleißenden Licht der Frühjahrssonne, sanft unter den frischen Windböen hin- und herschaukelnd. Rosafarbene Tupfen entlang einer träge dahinfließenden Mosel, die sich kurz vor ihrer Mündung in den Rhein kräftig windet und sich in zahlreichen Schleifen immer tiefer in Fels und Schiefer gräbt. Rosafarbene Tupfen oberhalb der weidengesäumten Ufer, auf den flachen, flussnahen Hanglagen und entlang der Weinberghänge in Steillage, die ganz unvermittelt und prompt schroff aufragen. Zusammen mit dem Wein brachten die Römer den Pfirsich, Prunus persica, an die Mosel BILD

Werner Schakat steht mittendrin im Rosa – alles um ihn herum sind seine Pfirsichbäume. Bedächtig zieht er einen Zweig heran und zeigt die Fruchttriebe. Leicht steigt der zarte Duft der Blüte in die Nasen der Kurzurlauber, die nur wegen der blühenden Pfirsichbäume an die Mosel ins Winzerdorf Ernst bei Cochem gekommen sind.

»Schön sieht das schon aus«, sagt Pfirsichbauer Werner Schakat und blinzelt gegen die Sonne, »aber die Bäume setzt ja niemand, damit Farbtupfer da sind.« Und schon ist er mitten in der Geschichte des Pfirsichs, einer Geschichte, die er mit den Worten »schon immer« einleitet: Schon immer steckten die Winzer neben und zwischen die Weinrebstöcke ein oder zwei Pfirsichkerne oder, wie Schakat sagt, Pfirsichsteine. Zusammen mit der Weinrebe hatten die Römer Prunus persica nach Germanien gebracht, und schnell entwickelte sich bei dem wärmespeichernden Schieferboden und dem milden, mediterranen Klima an der Mosel eine gute Nachbarschaft zwischen Wein und Pfirsich. Auch wenn sich im Lauf der Jahrhunderte der gelbe Pfirsich mit seinen großen und saftigen Früchten durchsetzte, wuchs im Moseltal, zumindest erstmals im 16. Jahrhundert erwähnt, eine andere Art des Pfirsichs: der Rote Weinbergspfirsich.

Von da an war »de rude Peesch«, wie man an der Mosel sagt, immer mit dabei – zwischen den Weinreben an den Hängen, aber auch in den Gärten. Und vor allem in der Küche: Für Gelee wie auch Sorbet und die fein wie grob vermuste Marmelade – Schmer genannt – geht es dem Weinbergspfirsich an seinen dicken Pelz. Die eingelegten Früchte sind als Tortenbelag beliebt und finden als Dessert den größten Zuspruch in Verbindung mit Vanilleeis und einer Sahnehaube. Kein Café moselauf, moselab, das diese Spezialität nicht auf der Karte hat.

Dabei lässt der Rote Weinbergspfirsich von seinem Äußeren her nicht auf seinen kräftig-aromatischen Geschmack schließen. Ein dichter grauer Pelz umschließt die kleine, nur golfballgroße Frucht, deren Kern mindestens die Hälfte des Volumens einnimmt. Zwischen Kern und Pelz steckt die Delikatesse – das blutrote Fruchtfleisch.

Eis oder Pfirsichkuchen? Drinnen oder draußen? Mittlerweile ist die Gruppe wieder im Winzerdorf Ernst angekommen. Die Sonne hinterlässt erste rote Wangen. In gepflegten Vorgärten wird zwischen blühenden Krokussen und Märzenbechern gewerkelt. Doch noch zieht ein kalter Wind durchs Tal, pfeift durch die Gassen. Es ist die Jahreszeit, in der sich die Blicke der Hoteliers von der Uferpromenade besorgt auf die Pegelstände richten. Man mag gar nicht glauben, dass die meterhohen Markierungen an den alten Winzerhäusern mit ihrem dunklen Fachwerk und an den Gebäuden aus dem heimischen Grauschiefer zeigen, bis wohin das Moselwasser steigen kann.