Sie sei die schönste Frau, die er je gesehen habe, so schrieb ihr ein Verehrer, und dass er sterben müsse, wenn sie ihn nicht auf der Stelle erhöre. Doch sie war verheiratet, mit einem damals schon berühmten Mann. Der machte sie zwar nicht froh, hielt sie aber in Bann – mit seinem Egozentrismus, später mit seiner Eifersucht.

Zu Anfang der Liaison hatte er ihr ellenlange Briefe geschrieben, heiße Liebesschwüre und parallel dazu Handlungsanweisungen eines pedantischen Oberlehrers an die künftige brave Gattin: "Was du mir vielleicht sein, werden könntest – das Höchste, Liebste meines Lebens, der treue, tapfere Gefährte, der mich versteht und fördert, meine Burg, …, mein Himmel, in den ich immer wieder untertauchen, mich selbst wieder finden, mich neu aufbauen kann." Die Worte regelten die Zuständigkeiten: Er wollte die strahlende Sonne in ihrem Kosmos sein, um die sie zu kreisen habe. Erst mit seinem Tod befreite sich die Witwe von diesem Anspruch. Da war sie Anfang dreißig, und während sie an seinem Sterbebett ausharrte, wartete im Hintergrund ihr neuer Lover. Und dazu jede Menge Schattenmänner, die im Lauf ihres Lebens noch kommen und gehen sollten.

Frauen wie sie, ausgestattet mit einer unmittelbar spürbaren, starken sexuellen Aura, faszinieren die Männer. Und sie lösen zugleich eine Art archaische Urangst aus: vom Weibe besiegt, von ihrem inneren Feuer verschlungen zu werden. Entsprechend heftig wurde sie zeitlebens und auch danach verunglimpft oder bewundert, je nachdem. Es hieß, sie habe ihren Gatten Nummer eins krank gemacht und ins Grab getrieben. War sie also doch eher Täterin denn Opfer – die Rolle, in der sie sich später gern stilisierte? Vermutlich beides.

In einer von Männern geprägten Welt war es ihr nicht vergönnt, ihr eigenes künstlerisches Talent auszubauen, und sie erlitt das bittere Los der meisten ihrer Zeitgenossinnen: schmerzhafte Geburten, Fehlgeburten und Abtreibungen, dazu den Krankheitstod mehrerer Kinder. Eine Form früh entwickelter Gefühlsarmut war die vermutliche seelische Folge. Und diese befähigte sie von einem bestimmten Zeitpunkt an, die privaten Verhältnisse quasi umzudrehen: Nun war sie die Sonne, um die alle männlichen Planeten ergeben kreisen durften. Im Alter von 40 Jahren notierte sie über ihren künftigen dritten Ehemann, den sie gerade kennengelernt hatte: "Er ist ein winziger Vogel in meiner Hand." Auch er, der wesentlich Jüngere, war ihr sofort mit Haut und Haar verfallen.

Sieht man sie auf Fotos, fällt es ein wenig schwer, ihre erotische Wirkung gänzlich zu begreifen: Mit ihrer fülligen Figur passt sie nicht mehr ins heutige Schönheitsideal. Aber natürlich besaß sie auch andere Reize, war klug, gebildet und charmant. Andererseits verhinderte das nicht einen Hang zu düsteren Vorurteilen, der sich vor allem im letzten Lebensdrittel weiter ausprägen sollte. Außerdem trank sie, das hinterließ sichtbare Spuren, in älteren Jahren wirkte sie ziemlich aufgedunsen.