Vor Kurzem hat sich die Große Koalition auf eine neue Regelung geeinigt . Die etwa 180.000 geduldeten Ausländer in Deutschland sollen zukünftig das "Bleiberecht auf Probe" erwerben können. Wer acht Jahre (mit Kindern sechs) hier lebt, ausreichend Deutsch spricht und nicht straffällig geworden ist, darf bleiben. Allerdings müssen sie bis 2009 eine Arbeit nachweisen, mit der sie ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Das Bleiberecht ist Teil eines 430 Seiten langen Gesetzespakets über Änderungen im deutschen Asyl- und Bleiberecht nach Richtlinien der EU. Der Entwurf soll vor Ostern vom Bundestag beschlossen werden.

Renée Abul-Ella wurde 1945 in Haifa geboren, sie ist Geschäftsführerin des Vereins Al-Dar in Berlin-Kreuzberg, der Familien arabischer Herkunft betreut und berät

DIE ZEIT: Frau Abul-Ella, eigentlich müssten Sie froh sein über die neue Regelung, auf die sich die Große Koalition geeinigt hat: Mit dem "Bleiberecht auf Probe" dürfen geduldete Ausländer endlich arbeiten.

Renée Abul-Ella: Theoretisch mag das so sein. Aber in der Praxis wird das Gesetz kaum Verbesserungen bringen. Wir sprechen hier von etwa 180.000 Menschen, die mit einer Duldung in Deutschland leben. Die meisten sind seit zehn, fünfzehn Jahren hier, in dieser ganzen Zeit wurden sie gesetzlich zur Arbeitslosigkeit verpflichtet, weil sie keine Arbeitserlaubnis bekamen. Nun verlangt man von ihnen, dass sie bis 2009 einen Job finden, um statt einer Duldung, die immer wieder ausläuft und neu verlängert werden muss, ein Bleiberecht zu bekommen.

ZEIT: Anderthalb Jahre sind doch eine lange Zeit.

Abul-Ella: Langzeitarbeitslose sind schwer wieder in den Arbeitsprozess zu integrieren – das sollten die Politiker wissen. Das ist schon für Deutsche schwer und für Ausländer noch mehr. Ich glaube, dass die Forderungen in dem neuen Gesetzesvorschlag nicht zu erfüllen sind, ich bin gespannt, wie viele es in zwei Jahren geschafft haben.

ZEIT: Wie schätzen Sie denn die Chancen ein für die arabischen Familien, die Sie in Ihrem Zentrum in Berlin-Kreuzberg betreuen?

Abul-Ella: Sehr schlecht.

ZEIT: Warum?

Abul-Ella: Etwa die Hälfte der Familien, die wir betreuen, sind geduldet. Man muss sich diese Gruppe einmal genau ansehen: Die meisten sind Großfamilien, die aus dem Libanon hierhergekommen sind, auch wenn viele ihrer Herkunft nach Palästinenser oder Kurden sind. Die Väter haben hier keine Ausbildung und auch keine anerkannten Zeugnisse erwerben dürfen. Viele von ihnen sind auch im Arabischen Analphabeten, weil sie während des Bürgerkriegs im Libanon sehr klein waren und nicht zur Schule gingen. Sie haben in Deutschland ein bisschen gebrochenes Deutsch auf der Straße gelernt, mehr hatte bisher auch niemand von ihnen verlangt. Sie hätten ihre Deutschkenntnisse gar nicht anwenden können.