Anfang der neunziger Jahre war in Köln einmal jenes Modell einer romanischen Kirche mit 24 Fenstern und Türen ausgestellt, das der Komponist Frank Martin 1954 in liebevoller Kleinarbeit zur Adventszeit für seine Kinder gebastelt hatte. Martins Handschrift schien auch hier gleich klar erkennbar. Es war alles sehr sauber verfertigt, überlegt modelliert, nirgendwo stand etwas über oder quer. Ein kleines Kunstwerk, das von Herzen gekommen war und zu Herzen ging. Wie Frank Martins Musik.

Köln war für den 1890 in Genf geborenen Pfarrerssohn so etwas wie die dritte Heimat geworden, er unterrichtete von 1950 an an der Musikhochschule, wo etwa Karlheinz Stockhausen zu seinen Schülern zählte. Später versuchte Stockhausen, der sich in Darmstadt gewissermaßen umgetauft hatte, Martin musikalisch zu missionieren, aber das ist eine andere Geschichte. Wirklich daheim war Martin im niederländischen Naarden, wo er bis ins hohe Alter hinein lebte, liebte, gärtnerte, betete und unermüdlich arbeitete. Er starb mit 84.

Als er 48 Jahre alt ist, komponiert Martin sein bedeutendstes Werk. Es ist die Vertonung des Stoffes, dem Richard Wagner zu musikalischer Weltgeltung verholfen hatte. Wagner meinte über Tristan und Isolde, "vollständig gute Aufführungen" müssten "die Leute verrückt machen".

Anders herum müsste eine, nicht notgedrungen szenische Aufführung von Le vin herbé, wie Martins oratorio profane nach dem Roman de Tristan et Iseut von Joseph Bédier heißt, heute noch ähnlich sensibilisieren, wenn auch unter umgekehrten Vorzeichen. Der Zaubertrank ist kein Opiat, das die Sinne betäubt, sondern eine Essenz, die klarer sehen und hören hilft.

Le vin herbé ist Martins kompositorisches Vermächtnis. Hier haben wir ihn, wenn man so will, in der Nussschale, und die Ausführenden unter Daniel Reuss tun alles dafür, dass man seine tiefe, warme Musikalität jederzeit spürt und als Kostbarkeit begreift. Martin war sich seiner Stellung wohl bewusst. Er hatte lange genug mit sich gerungen, um eine ganz eigene Musiksprache zu finden. Die Instrumente, acht Streicher plus Klavier (!), sind gehalten, sich wie "Kulissen in einem Theaterstück" (Martin) zu verstehen, was aber nicht heißt, dass sie lediglich dekorativen Charakter hätten. Die wenigen rein instrumental ausgearbeiteten Stellen schaffen vielmehr einen Klangraum, den man stets noch erinnert, wenn längst die Stimmen die Verhältnisse bestimmen. Ein einziges Mal dominiert die Solovioline, das ist, als Tristan und Isolde andächtig getrunken haben. Bei Wagner endet der Moment, indem der Orchesterklang einer alles verschlingenden Welle gleich hochschäumt. Bei Martin ist es ein, nicht minder aufgeladener, statischer Augenblick: Man wagt sich kaum zu bewegen beim Hören.

Das Besondere der Komposition, die sich mit den besten Kompositionen Debussys und Messiaens in einem Atemzug nennen lassen kann, liegt neben der herausragenden Rolle des Chores er kommentiert wie in der griechischen Tragödiendichtung in der sehr speziellen Verwendung der Chromatik. Martins so asketische wie gleichzeitig betörende Klänge sind Resultat eines langen Denkprozesses, der im Ergebnis nicht so tun wollte, als hätte es Schönberg nicht gegeben, gleichwohl aber dessen strenge Regelhaftigkeit negiert. So entstehen, vereinfacht gesagt, tonal organisierte Zwölftonreihen. Das klingt akademisch, ist aber in der Wirkung schlichtweg hinreißend, lebendig, menschlich.

Martin durchdachte die musikalischen Phänomene von innen heraus und nicht abstrakt als Konstruktion. Seine Musik will nicht überwältigen, sondern sanft überzeugen, sie strahlt still und leise. So bekommt die eigentlich recht monströse Geschichte von Tristan und Isolde in Le vin herbé etwas zutiefst Humanes, fast beiläufig Alltägliches, denn Martin erzählt sie als dramatisierte Lebensepisode. Das Sterben von Tristan und Isolde ist ein langer ruhiger Fluss, und der Tod bringt den beiden tatsächlich Frieden.