Der Mann, der den Angriff auf die gesammelte Autoindustrie gewagt hat, scheint gerade etwas unschlüssig. Er wartet an der Theke eines vegetarischen Bio-Fast-Food-Restaurants in San Carlos im Silicon Valley – die Familie vor ihm kann sich nicht entscheiden, die Kinder gucken alles lange und genau an, die Mutter lässt ihnen viel Zeit. Martin Eberhard wirkt, als überlege er, ob es unhöflich sei zu überholen. Dann nimmt er sein Tablett und tut es einfach. Einen Blick zurück auf die überraschte Familie wirft er nicht.

Natürlich kennt auch Eberhard den Witz, den man sich in der Autoindustrie erzählt. In Silicon Valley sagen die Computermenschen: Wenn wir hier Autos bauen würden, dann würden sie jedes Jahr doppelt so schnell und doppelt so billig werden, genauso wie die Computer. Und die Ingenieure in Detroit erwidern: Klar, und sie würden jeden Tag zweimal abstürzen, genauso wie die Computer.

Doch was zählt, ist, wer zuletzt lacht, und so haben diejenigen, die schon einmal die Welt mit dem Computer revolutioniert haben, angefangen, eine der mächtigsten Industrien der Erde zu verändern. Eine junge, übermütige Truppe tritt mit dem Schlachtruf vom "Auto der Zukunft" an gegen die metallicgleißenden Heere der alten Autowelt. Die Jungen haben die Geduld verloren mit den Alten. Sie montieren jetzt ein Auto für das anbrechende Klimazeitalter. Die Alten schütteln den Kopf und bauen weiter an ihren Autos der auslaufenden Benzin-Ära.

Der Mann im Bio-Fast-Food-Restaurant ist einer dieser Ungeduldigen. Martin Eberhard, 46 Jahre, sehr schmal, er trägt Vollbart. Ein wenig erinnert er an einen österreichischen Wanderführer. An seinem Revers steckt eine winzige Anstecknadel – sie sieht aus wie der stilisierte Kopf eines Bullen. Mit dem Kopf durch die Wand, kein schlechtes Symbol für das, was dieser Mann vorhat. Eberhard hat die erste Autofirma in Silicon Valley gegründet, Tesla Motors, nach dem genialen und verrückten kroatischen Erfinder und Entwickler des Elektromotors Nicola Tesla benannt, der sein Glück in Amerika fand. Der Stier ist das Zeichen von Eberhards Firma.

Eben noch saß Eberhard in seinem grauen Mazda 3 und zuckte bei jeder elektrischen Schiebetür, an der er vorbeifuhr, zusammen. Sein neuer kleiner Warnapparat, der ihm eigentlich nur melden soll, dass irgendwo in der Nähe die Polizei mit einem Blitzgerät steht, reagiert unglücklicherweise auch nervös auf die Bewegungsmelder von Schiebetüren. Und davon gibt es eine Menge in einem amerikanischen Einkaufszentrum. Kennt diesen Mann überhaupt jemand bei General Motors oder DaimlerChrysler?

Oh doch, spätestens seit Januar dieses Jahres kennt man Martin Eberhard dort. Damals hat der Vegetarier den vierten Standort seiner Firma in Michigan eröffnet, ganz in der Nähe von DaimlerChrysler und General Motors. Beide Autokonzerne haben den Umwelttrend verschlafen und leiden nun unter fehlender Technik und schlechter Presse. Nach dem Tesla-Hauptquartier in Silicon Valley, der Montagehalle in England und der Motorenproduktion in Taiwan hat Eberhard in Michigan eine Forschungs- und Entwicklungsabteilung mit 60 Ingenieuren eröffnet, die dort schon den Prototyp für das nächste Modell von Tesla bauen. Und wie schon das erste Auto, wird auch dieses Auto ganz allein durch Strom und einen Elektromotor angetrieben werden.

Müssen die alteingesessenen Automobilhersteller diesen umweltbewussten Vegetarier wirklich ernst nehmen? Vielleicht, denn Martin Eberhard ist zwar Vegetarier, er kann also verzichten. Er ist aber ein amerikanischer Vegetarier, und worauf der nicht verzichten will, ist der Traum von einem Auto, das klimapolitisch korrekt ist und dennoch Spaß macht.

Der Spaß, das ist die Spitzengeschwindigkeit seines Tesla Roadsters: 220 km/h. Ein Sportwagen, der von Lotus in England gezeichnet wurde und dessen 248 PS starker Elektromotor von null auf hundert in 4,2 Sekunden beschleunigt. Die klimapolitische Korrektheit, das ist seine Batterie. Und ihr Preis ist: Bislang kommt der Tesla mit einer Batterieladung nur etwa 400 Kilometer weit, allerdings inklusive des Stroms für die heizbaren Sitze, den CD-Spieler, die Klimaanlage. Aufgeladen wird das Auto an der Steckdose, was dreieinhalb Stunden dauert und je nach Stromtarif zwei oder drei Dollar entspricht. Der Tesla kostet 92000 Dollar.

Vier Monate nach der ersten Präsentation des Prototyps waren die ursprünglich geplanten ersten hundert Autos verkauft – 170 kamen seither dazu. George Clooney hat den Scheck gleich nach seiner ersten Probefahrt ausgestellt. Ende 2007 werden die ersten hundert Autos geliefert, die nächsten Anfang 2008. Am zweiten Modell für 50000 Dollar wird nun in Michigan gearbeitet. Martin Eberhard liebt Autos. Das macht den Mann für Detroit so gefährlich.

Er nimmt sein Tablett und geht durch das hell erleuchtete Restaurant. Hinter den Fenstern liegt ein fußballfeldgroßer Parkplatz, umgeben von großen Shoppingcentern und einigen Elektrogeschäften. Endlose Vorortarchitektur. Wer hier lebt, kann ohne Auto nicht sein und spürt den steigenden Ölpreis ganz enorm. Er hat – hier in Silicon Valley, dem Gebiet zwischen der Universität Stanford und San Francisco – aber auch hautnah miterlebt, wie eine fixe Idee die ganze Welt verändern kann. Indem Leute wie der Chipentwickler Bob Noyce von Intel, Bill Gates oder die Google-Gründer auf ihre Ideen vertrauten, angetrieben von einem Übermut, den es sonst auf der Welt kaum noch einmal gibt. Es ist die Verbindung eines geschäftstüchtigen Forscherdranges mit der Verachtung der langsamen Abläufe bei den etablierten Unternehmen. Silicon Valley ist das Tal der Goldsucher unserer Zeit. Ein modernes Westernstädtchen, in dem viele scheitern, auch das gehört zum amerikanischen Traum, aber wo es eben auch die gibt, die mit dem nötigen Glück auf eine Goldader stoßen.

Die erste war die digitale Revolution. Der Traum von der grenzenlosen Kommunikation wurde wahr. Eberhard will sich und der Welt nun den nächsten Traum erfüllen. Nach der digitalen folgt nun die grüne Revolution, davon ist er überzeugt.

Die Zahlen scheinen ihm Recht zu geben. Laut dem Branchenexperten Cleantech Venture Network investierten US-Wagnisfinanzierer 2005 in Start-ups, die sich mit sauberen Technologien beschäftigen, 1,6 Milliarden Dollar. 35 Prozent mehr als im Jahr 2004. Im ersten Halbjahr 2006 waren es bereits 1,4 Milliarden. Der neue Goldrausch kommt in Gang. Alle sind auf der Suche nach einem neuen Google-Wunder – diesmal mit Cleantech. Das macht diesen Bereich zum drittgrößten nach Biotechnologie und Software. Die grüne Revolution marschiert, nicht auf der Straße, sondern in den Labors.

Genau davor haben Leute wie der deutsche Umweltminister Sigmar Gabriel Angst. Sie fürchten, dass in den USA die so liebevoll gehätschelte und gehegte deutsche grüne Idee mit einer finanziellen Wucht zur industriellen Tat wird, die den Vorsprung, den Deutschland auf diesem Gebiet heute noch hat, in kurzer Zeit zunichte macht. Es sind erfahrene Goldsucher am Start.

In Eberhards Tesla Motors investierten im Frühjahr 2004 der Silicon-Valley-Milliardär Elon Musk, die Google-Gründer Sergey Brin und Larry Page, der eBay-Gründer Jeff Skoll sowie einige der größten Wagnisfinanzierer: VantagePoint, Draper Fisher Jurvetson, JP Morgan. Alles Investoren, die glauben, dass man mit der Rettung der Welt viel Geld verdienen kann. Auf Eberhard haben sie 60 Millionen gesetzt.

Aus dem ehemaligen Partner wurde ein Konkurrent

Martin Eberhard ist Unternehmer. Kein Mensch kann sich mehr eine Welt ohne Autos vorstellen. Aber Eberhard glaubt, wie alle, die in Silicon Valley in die Umwelt investieren, dass der steigende Ölpreis, die Abhängigkeit von arabischen Ölstaaten, Ereignisse wie der Hurrikan Katrina und die heißer werdenden Sommer ein Bedürfnis nach Alternativen erzeugt haben. Die Verkaufzahlen des Toyota Prius, des Benzinautos mit dem kleinen elektrischen Hilfsmotor, hätten das gezeigt, sagt er. Aber ohne jemanden, der den Mut hat, eine wirkliche Serien-Alternative zum Verbrennungsmotor anzubieten, bleibt dieser Markt unerschlossen. Und Eberhard hat Mut. Er will den Autoantrieb der Zukunft bauen.

Es gehe ihm, sagt er, nicht um die innovativste Technik, die könne sich keiner leisten. Es gehe ihm darum, die intelligenteste Lösung mit der vorhandenen Technik zu bauen und sie schnell auf den Markt zu bringen. Mit nichts im Leben sollte man zu lange warten, glaubt Eberhard. Ein Satz, der im Silicon Valley Sinn macht. Die Autoindustrie in Detroit dagegen hat einen Ruf und Millionen von Kunden zu verlieren. Denn was, wenn die Technik floppt? Gerade noch rechtzeitig vor dem Platzen der Internetblase hatte Eberhard seine E-Book-Firma NuvoMedia für 187 Millionen Dollar verkauft. Allerdings hatte er beim Verkauf unterschrieben, dass er der alten Firma keine Konkurrenz machen würde. Damit war er raus aus dem Geschäft. Er brauchte eine neue Idee.

Eberhard überlegte damals, ob das vernetzte Haus die Technologie der Zukunft sei. Er dachte daran, ein Produkt zu entwickeln, das alle Unterhaltungssysteme drahtlos im Haus verband. Aber die Chinesen waren auf diesem Gebiet so schnell, dass er die Idee verwarf. Bis er den Businessplan geschrieben und Kapital gesammelt hätte, Kunden gewonnen und deren Vertrauen, wären die Chinesen längst auf dem Markt gewesen. "Die Chinesen haben so ungeheuer viele gute Ingenieure. Das mussten wir aber auch erst lernen", sagt Eberhard. Und irgendwann werden diese Ingenieure auch einmal das Auto entdecken.

Ob Eberhard Tesla Motors seiner Scheidung zu verdanken hat, ist schwer zu sagen. Auf jeden Fall ging mitten in der Ideensuche seine Ehe in die Brüche, und um auf andere Gedanken zu kommen, schien es das Beste, sich ein neues Auto zu kaufen. Eines, das er zu Hause neben den BMW Z3, den Toyota 4Runner und den Ford F-100 Pick-up Truck, mit dem er den Gleitschirm transportierte, parken konnte. Den Ford Crown Victoria hatte seine Frau mitgenommen.