Wohlfühl-Tipps – Seite 1

Kennen Sie den: »Beleuchten Sie keine ungenutzten Räume«? Und den hier: »Niemals Dauerlüften mit gekipptem Fenster«? Oder den Dauerbrenner: »Lassen Sie bei Kurzstrecken öfter mal das Auto stehen«? Tipps zum Energiesparen sind wieder angesagt, jetzt, wo Energie teurer wird und der Klimawandel fühlbar. Längst gehört der Ratschlag in der Lokalzeitung zum täglichen Service wie der Veranstaltungskalender und der Apothekennotdienst. Und alle beraten mit, RWE und Greenpeace, Bundesumweltministerium und Stiftung Warentest. Giftiges Quecksilber macht defekte Sparlampen zu Sondermüll BILD

Dabei ist nahezu jeder Slogan zur Energieeffizienz schon mal da gewesen. Schon vor drei Jahrzehnten riet das Bundeswirtschaftsministerium in seinem Heftchen Haushalten im Haushalt der Hausfrau : »Waschmaschine voll beladen!« Die Unterzeile der Broschüre verkündete seinerzeit bereits, was Politiker heute wie die neueste Erkenntnis verkaufen: »Energie sparen – unsere beste Energiequelle«. Dass Energie »ein sehr wertvolles Gut« ist, mahnten Ministerielle schon in den Siebzigern. Wenig später überschwemmten Aufkleber »Ich bin Energiesparer« das Land. Genutzt hat das alles nichts. Jeder Deutsche braucht heute ein Viertel mehr Strom zum Leben, unter anderem durch die stetig zunehmende Ausstattung der Haushalte mit Elektronik. Und auch im Jahr 2006, als die Invasion der Tipps erneut begann, stieg der Stromverbrauch um 0,7 Prozent.

Erkenntnis in Verhalten umzusetzen, dazu bedarf es nach Ansicht von Experten spürbarer ökonomischer Anreize – und zwar vom Staat. Schließlich sind die vom Markt selbst geschaffenen Impulse wie etwa gestiegene Rohölpreise bislang weitgehend verpufft. Dass Menschen, während sie sich dem Sparen verweigern, gleichzeitig über steigende Energiepreise jammern, ist ein Stück Schizophrenie in der Energiediskussion: Solange das ökonomische Gesetz, dass steigende Preise die Nachfrage drücken, bei der Energie noch ausgehebelt scheint, ist sie noch zu billig.

Politiker und Manager, die ernsthaft für eine effizientere Energiewirtschaft eintreten, müssen vor allem eines tun: Akzeptanz schaffen für eine Steuer- und Abgabenpolitik, die den verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen ökonomisch attraktiv macht. Bleibt es bei Tipps von musealem Charakter, werden die Menschen weiter dem Überfluss frönen. Selbst die Grünen-Fraktionschefin Renate Künast mogelt sich um die Frage einer künftigen Ökosteuer herum und beißt sich an der Aufforderung fest: »Die Verbraucher müssen ihre Marktmacht einsetzen.«

Verkehrt ist natürlich auch das nicht, doch letztendlich lenken die samtweichen Ratschläge nur von der harten Auseinandersetzung darüber ab, wie Energie sparsam einzusetzen und dem Klima wirkungsvoll zu helfen ist. Hans-Josef Fell, Energieexperte der Grünen, spielt immerhin die Oppositionskarte: Ihre Tipps streue die Bundesregierung doch nur »als Ersatz für notwendige neue politische Maßnahmen«.

Der Ratschlag, den Kühlschrank öfters abzutauen, kommt nun mal geschmeidiger daher als die Diskussion über schärfere gesetzliche Effizienzvorgaben an die Hersteller. Und trotzdem stellt sich mancher Bürger längst die Frage, warum heute überhaupt noch Elektrogeräte verkauft werden dürfen, die man nicht komplett abschalten kann, und warum noch Geräte mit Stand-by-Schaltung auf den Markt gebracht werden.

Die meisten Politiker winken bei solchen Fragen ab und raten lieber so unermüdlich wie unverbindlich, die Geräte bitte nicht im Strom fressenden Modus zu betreiben. Ohnehin habe man »nicht den Eindruck, dass die Tipps nutzlos sind«, lässt zur Legitimation das Bundesumweltministerium wissen. Schließlich habe man doch immerhin beim Stromverbrauch »trotz der deutlichen Zunahme an Geräten den Anstieg begrenzen« können. Wenn das Ziel nur klein genug ist, lässt es sich eben immer erreichen.

Wohlfühl-Tipps – Seite 2

Das »Energiegeld« soll die Ökosteuer ablösen

Natürlich können nicht die Zustände der frühen Nachkriegsjahre zurückkehren, als Schaufensterbeleuchtung und Leuchtreklame verboten waren und die Elektroheizung sowieso. Dennoch kann sich der Staat auch heute das Recht nehmen, den Energieverbrauch zu kappen. Vor 60 Jahren war es schlichter Mangel, heute ist es der Klimaschutz, der einen Eingriff erforderlich zu machen scheint. Anderswo sind die Regierenden weniger zögerlich. Australien will von 2010 an Glühbirnen verbieten, zugunsten von Energiesparleuchten. In Kalifornien herrschen bald strenge Abgaswerte – gesetzlich festgelegt. Und hier? Das Bundeswirtschaftsministerium reiht sich ein in die Schar der Tippgeber und empfiehlt etwa, statt mit altem Skiträger mit einer geschlossenen Skibox in den Winterurlaub zu fahren – schließlich erzeuge sie weniger Luftwiderstand. Ob das Ministerium nicht besser durch politische Aktionen auffallen sollte? Kein Kommentar aus dem Hause Glos.

Und doch gibt es vereinzelt Politiker, die sich dem Reigen des Appellierens verweigern. »Das ist geradezu peinlich, was da aus allen Parteien zu hören ist«, sagt der SPD-Energieexperte Hermann Scheer. Seine eigene Partei nimmt er nicht aus. Er verspricht zugleich: »In meinen Reden werden Sie keine Verhaltensappelle hören.« Politische Lösungen seien seine Strategie, Ordnungspolitik und finanzielle Anreize. Eine Ausnahme.

Unpolitisch, unangreifbar, unwirksam – das ist der Energiespartipp der Gegenwart. »Jedes Grad Temperaturabsenkung spart bis zu sechs Prozent Heizkosten«, lehren uns kluge Menschen seit Jahrzehnten. Zugleich sanieren Vermieter ihre Häuser nicht, weil sie den Wärmeschutz nicht auf die Kaltmiete umlegen können; selbst dann nicht, wenn die Warmmiete für die Bewohner am Ende sinken würde. Investor-Nutzer-Dilemma heißt das Phänomen, das nach Lösung schreit. Und während Schlaumeier so banal wie korrekt darauf hinweisen, dass man nachts in den Wohnräumen die Temperatur absenken sollte, werden schiere Verwirrungen der bunten Warenwelt keineswegs angeprangert – wie Terrassenheizungen, 300-Watt-Deckenfluter und Sommerskihallen.

Völlig hoffnungslos ist die Lage trotzdem nicht. Abseits der populistischen Spartipps-Kultur entwickeln Vordenker gerade eine neue Idee der Umweltsteuer. Anders als die bisherige Ökosteuer, deren Nutzen dem Bürger nie vermittelbar war, setzt sie auf ein transparentes »Energiegeld«: Die Einnahmen aus der Ökosteuer kommen in einen Topf und werden am Jahresende an alle Bürger pro Kopf wieder ausgeschüttet. Den Durchschnittsverbraucher tangiert das wenig, er bekommt so viel raus, wie er einzahlt. Wer jedoch Energie spart, profitiert; wer sie verprasst, zahlt drauf.

Fritz Andres vom Institut für Entrepreneurship der Uni Karlsruhe, Mitglied des Fördervereins Ökologische Steuerreform, prophezeit bereits: Durch die Rückverteilung pro Kopf werde die Abgabe »in jeder ökologisch notwendigen Höhe mehrheitsfähig«. Ökonomisch wäre das Energiegeld ein Nullsummenspiel; schließlich wären Einnahmen und Ausgaben zwangsläufig identisch. Zugleich würde jeder Verbraucher zum Sparen angeregt – was Effizienzpotenziale entfesseln könnte, von denen bislang niemand zu träumen wagt. Reinhard Loske, Umweltexperte der Grünen im Bundestag, lässt bereits wissen: »Ich sympathisiere sehr mit einer solchen Variante.« Im Laufe des Jahres könnte das Energiegeld in das grüne Programm aufgenommen werden.

Bis dahin werden noch viele Energiespartipps von der Pseudoernsthaftigkeit der Klimadebatte künden. Allerdings: Nicht alle sind schlecht. »Bedenken Sie beim Kauf eines Wasserbetts, dass das Bett pro Jahr rund 1000 Kilowattstunden Strom verbraucht, um das Wasser auf angenehmer Körpertemperatur zu halten«, rät zum Beispiel die Stiftung Warentest. Immerhin ist dieser Rat nicht so uralt wie etwa der Hinweis, keine heißen Speisen in den Kühlschrank zu stellen. Besonders gut ist er sogar, weil es hier um richtig große Strommengen geht. Ohne Wasserbett kann sich der Verbraucher jährlich 200 Euro gespartes Geld unter die Federkernmatratze legen. So viele Stand-by-Geräte kann man gar nicht abschalten. Und so viele Energiesparlampen gar nicht einschrauben.

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