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DIE ZEIT: Mr Chipperfield, warum wollen Sie die Museumsinsel zerstören? Auf dieser Grafik ist es nur eine leere Box, doch bald schon soll an dieser Stelle, zwischen Pergamonmuseum (im Hintergrund) und Neuem Museum (rechts), ein zentraler Eingangsbau entstehen. Obwohl es noch keinen endgültigen Entwurf gibt, wird schon heftig darüber debattiert. BILD

David Chipperfield: Zerstören? Wie kommen Sie auf so was? Sind wir wieder im Krieg?

ZEIT: Kommt drauf an, was Sie unter Krieg verstehen. Eine Bürgerinitiative behauptet, Ihre Um- und Neubaupläne würden die historischen Gebäude akut gefährden. Sie fordert den sofortigen Baustopp. Auch einige Politiker protestieren, Uwe Lehmann-Brauns von der CDU wirft Ihnen sogar Barbarei vor.

Chipperfield: Ich bin aber kein Barbar. Und ich verstehe auch nicht, worüber die Leute sich so aufregen. Für mich ist das vor allem eine Medienkampagne. Jetzt sollen sogar Unterschriften gesammelt werden, um ein Volksbegehren einzuleiten. Es gibt da nur ein kleines Problem…

ZEIT: …welches wäre?

Chipperfield: Dass niemand weiß, wogegen sich dieses Volksbegehren eigentlich richtet.

ZEIT: Es richtet sich vor allem gegen den Neubau eines Eingangsgebäudes, das alle Museen der Insel erschließen soll.

Chipperfield: Aber den Entwurf für den Bau kennt doch noch niemand. Nicht mal ich selbst weiß im Moment, wie es aussehen soll. Das wird sich erst in zwei, drei Monaten entscheiden, so lange werden wir daran arbeiten. Ich sagen Ihnen, die Leute protestieren gegen ein Luftgespinst.

ZEIT: Viele sind dagegen, dass überhaupt ein neuer Eingangsbau entsteht, egal wie er aussieht.

Chipperfield: Das höre ich zum ersten Mal. Selbst die Gesellschaft Historisches Berlin, ein Verein, der bekannt ist für seine Rekonstruktionsforderungen, hat nichts dagegen, dass auf diesem Grundstück etwas gebaut wird. Er hat sogar selbst einen eigenen Architekten beauftragt, für diese Stelle auf der Museumsinsel einen Alternativentwurf zu entwickeln.

ZEIT: Warum nicht aus dem Hof des Pergamonmuseums einen Zentraleingang machen?

Chipperfield: Sie wollen diesen wunderbaren Hof mit Infrastruktur vollstopfen? Sie wollen dort all das unterbringen, was ein Museum braucht, wenn drei, vier Millionen Besucher im Jahr kommen? Restaurants, Cafés, Buchläden, Toiletten, Vortragssaal? Das wäre die Zerstörung des Pergamonmuseums. Es gab diesen Plan vor fünf Jahren. Aber die Denkmalpfleger waren sich einig: Wenn das gemacht wird, verliert die Museumsinsel ihren Welterbestatus. Zumal es wirklich keinen Grund gibt, warum das Eingangsgebäude nicht neben dem Neuen Museum gebaut werden sollte. Auch früher gab es dort ein Gebäude, den Packhof von Karl Friedrich Schinkel.

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ZEIT: Warum bauen Sie dann dieses Schinkel-Gebäude nicht einfach wieder auf?

Chipperfield: Das wäre völliger Unsinn.

ZEIT: Warum?

Chipperfield: Wir können gerne darüber diskutieren, wie das neue Gebäude aussehen soll, welche Formen, welche Materialien angemessen sind. Es ist nicht so, dass ich einsam in meinem Büro sitze und denke: David, du bist ein Genie, du entscheidest jetzt ganz allein. Nein, ich freue mich über die lebhafte Diskussion. Nur eines fände ich sehr merkwürdig: Wenn wir die Diskussion abwürgen würden und einfach das nachbauten, was vor 150 Jahren einmal entstanden ist.

ZEIT: Die Gesellschaft Historisches Berlin würde sich darüber sicherlich sehr freuen.

Chipperfield: Ich habe ja gar nichts gegen Rekonstruktionen, manchmal kann es durchaus sinnvoll sein, Teile eines zerstörten historischen Gebäudes nachzuahmen, schon der Harmonie wegen. Doch warum man jetzt auf der Museumsinsel ein ganzes Gebäude in alten Formen errichten sollte, will mir nicht einleuchten. So eine Kleingeistigkeit hätten sich frühere Generationen nicht erlaubt, davon erzählen doch die unterschiedlichen Architekturen auf der Insel. Jede Zeit hat da ihre eigenen Spuren hinterlassen. Warum sollten wir uns vor der Herausforderung drücken, einen eigenen architektonischen Ausdruck für unsere Gegenwart zu finden?

ZEIT: Vielleicht, weil die Architektur der Gegenwart oft so hässlich ist?

Chipperfield: Das stimmt wohl. Viele Menschen fürchten sich vor modernen Bauten, und ich muss zugeben, oft zu Recht. Natürlich hat die zeitgenössische Architektur ihre Probleme. Natürlich bauen manche meiner Kollegen schreckliche Häuser. Aber warum sollte das uns davon abhalten, mit Ausdauer und Zuwendung an einem Entwurf zu arbeiten, der schön und angemessen und modern ist? Jedenfalls versuchen wir das im Augenblick.

ZEIT: Ihre Gegner wollen aber nicht nur den neuen Eingangsbau verhindern. Sie wollen auch Ihre Restaurierung des Neuen Museums beenden, weil Sie das Alte nicht wieder so herstellen, wie es einmal war. Warum haben Sie kein Einsehen?

Chipperfield: Was heißt hier Einsehen? Die Leute von der Gesellschaft Historisches Berlin machen alle ganz verrückt. Sie behaupten, wir würden das Museum verschandeln, wir würden schlechte Arbeit abliefern. Das ärgert mich wirklich, das ist grober Unfug. Wissen Sie, wir haben hier ständig Fachleute aus aller Welt auf der Baustelle, die sich den Fortgang ansehen. Und alle bescheinigen uns, dass wir auf höchstem Niveau arbeiten, in technischer wie in intellektueller Hinsicht.

ZEIT: Aber Sie rekonstruieren nicht das Original?

Chipperfield: Nein, das machen wir nicht.

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ZEIT: Hatten Sie nicht in einem Ihrer Entwürfe selbst eine Rekonstruktion vorgeschlagen?

Chipperfield: Das ist auch so ein Märchen, ich finde das nicht fair. Wenn meine Gegner die Entwürfe unseres Büros nicht mögen, dann sollen sie das sagen. Sie sollen aber nicht herumgehen und behaupten, wir machten schlechte Arbeit.

ZEIT: Sie haben niemals eine Rekonstruktion vorgeschlagen?

Chipperfield: Es gab einen Wettbewerb, das war aber schon 1994, da ging es um einen Masterplan für die ganze Insel. Bei diesem Wettbewerb haben wir eine Zeichnung vorgelegt, auf der das Treppenhaus im Neuen Museum mit den alten Ornamenten zu sehen ist. Damals glaubten wir noch, der alte Wandschmuck ließe sich wiederherstellen. Mittlerweile sind wir klüger.

ZEIT: Sie haben Ihre Pläne geändert?

Chipperfield: Nein, auch wenn manche herumerzählen, wir seien vom Landesdenkmalamt unter Druck gesetzt worden und hätten deshalb unsere Pläne geändert. Das ist aber Unsinn. Wir haben unsere Pläne nicht geändert, wir bauen genau das, was wir in unserem Entwurf von 1998 vorgelegt hatten, nichts anderes. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, ich wünschte mir ja auch, das Neue Museum wäre so wie früher. Ich wünschte mir, es hätte nie einen Krieg gegeben, der das Gebäude zerstörte. Aber das ist nun mal nicht rückgängig zu machen. Heute wissen wir, dass sich die Wandbilder nicht nachempfinden lassen, schon aus technischen Gründen nicht. Auch viele andere Dinge lassen sich nicht einfach wiederherstellen.

ZEIT: Ihre Gegner sagen, Sie machten aus der Ruine einen Fetisch.

Chipperfield: Ich mache daraus überhaupt keinen Fetisch. Ich will nicht die Ruine erhalten, sondern die vielen Originalteile, die es noch gibt. Bitte sehr, wir könnten natürlich eine Disney-Kopie bauen, das wäre ein Haus, in dem alles neu ist, aber alt aussieht. Doch wenn wir alles neu machten, dann wäre nicht mehr zu erkennen, was tatsächlich noch von Friedrich August Stüler stammt. Mit der Unesco wäre das nicht zu machen, sie verlangt von den Weltkulturerbestätten, dass dort das Alte erhalten bleibt und nicht unter einem pseudoalten Mantel verschwindet. Na ja, ich glaube aber ohnehin, dass die Leute von unserem Umbau begeistert sein werden. Genauso wie von dem neuen Entwurf für das Eingangsgebäude.

ZEIT: Und falls nicht?

Chipperfield: Er wird den Leuten gefallen, es wird keine Kritik daran geben, das verspreche ich Ihnen. Höchstens von der Gesellschaft Historisches Berlin, die kritisiert immer alles.

Das Gespräch führte Hanno Rauterberg

David Chipperfield gehört zu Englands angesehensten Architekten. In Marbach hat im vorigen Jahr sein Literaturmuseum eröffnet, in den USA und in China baut er derzeit gleich mehrere Kunsthäuser. In Essen plant der 54-Jährige die Erweiterung des Folkwang Museums.