Ein silberhaariger Mann im Freizeitanzug mit knallroter Krawatte und weißen Turnschuhen eilt in großen Schritten über die Champs-Élysées. Von Weitem sieht er aus wie ein amerikanischer Tourist im besten Rentenalter. Als er näherkommt, erinnert er eher an Samuel Beckett mit etwas clownesken Gesichtszügen. Es ist der Regisseur Alain Resnais. Als er außer Atem am Treffpunkt vor einem kleinen Hotel ankommt, entschuldigt er sich für seine Verspätung: Er gehe neuerdings nur noch zu Fuß, weil ihm das Fahrradfahren in Paris zu gefährlich geworden sei.

DIE ZEIT : Monsieur Resnais, in Ihrem neuen Film Herzen schneit es unablässig, sogar in den Wohnungen. Die Menschen werden durch Vorhänge und Glaswände hindurch wie in einem Aquarium betrachtet. Woher kommen diese surrealen Elemente?

Alain Resnais: Die écriture automatique von Breton, Soupault, Aragon hat mich verführt und tief geprägt. Das war eine Freiheit des Ausdrucks, die ich zuvor nicht kannte. Wenn mir in meinen Filmen ein Bild einfällt, das ich nicht erklären kann, bin ich überglücklich. Dass etwa in meinem vorletzten Film Das Leben ist ein Chanson eine Qualle herumschwebt, war für mich ein Ausdruck der Wellenbewegung der Personen bei einer Wohnungseinweihung. Diese Überblendung hatte ich mit dem Team im Schneideraum gemeinsam beschlossen. Ich arbeite mit meinen Autoren und Schauspielern stets im Kollektiv und koordiniere die Stimmen wie ein Orchesterleiter.

ZEIT : Warum spielt auch Herzen fast nur in Innenräumen?

Resnais: Ich kann es nicht leiden, wenn Szenen krampfhaft ins Freie verlegt werden, nur damit es nicht theaterhaft wirkt. Dabei verpufft die dramatische Spannung. Der Raum sollte möglichst geschlossen sein, nicht aber die Handlung. Denn unser Denken und Empfinden sind ja nicht chronologisch. Filme, in denen die Kamera statisch arbeitet und Sequenz an Sequenz gereiht wird, langweilen mich. Da lese ich lieber Zeitungsartikel.

ZEIT : Stimmt es eigentlich, dass Sie gern einen intergalaktischen Science-Fiction-Film gedreht hätten?

Resnais: Ich mag in der Tat gute Comics. Wenn ich müde bin, lese ich einen Roman, wenn ich hellwach bin, einen Comic. Das ist anspruchsvoller, weil man zugleich eine visuelle und textuelle Botschaft entziffern muss. Ich liebe die Marvel-Comics von Stan Lee, dem Schöpfer von Spiderman, seit den vierziger Jahren, vor allem seinen Helden Silver Surfer, eine Vorlage für herrliche Melodramen. Stan Lee schrieb zwei Drehbücher für mich, aber wir fanden kein Geld für die Filme. In den siebziger Jahren sollte ich sogar Batman verfilmen, doch leider war das Budget zu gering, um etwas Vernünftiges zu realisieren. Aber Tim Burtons Batman ist großartig. Davon kann ich nur träumen.

ZEIT : Immerhin haben Sie in drei Gattungen erfolgreich gearbeitet: als Dokumentarfilmer, als Regisseur von Filmen gegen Faschismus, Krieg und Kolonialismus – und heute als Autor von Komödien und Beziehungsdramen.

Resnais: Eigentlich wollte ich immer nur Cutter werden, niemals Regisseur. Meine ersten Aufträge für Dokumentationen – über van Gogh, Picasso und die Pariser Nationalbibliothek – waren günstige Zufälle. Entscheidender aber wurde dann, dass sich in den fünfziger Jahren nur wenige Regisseure mit politischen Stoffen beschäftigten. Um mit Orson Welles zu sprechen: Man hat immer Lust, an Orten zu sein, wo es wenige Besucher gibt. Ein Anreiz war auch, gegen die Zensur anzuarbeiten, der politische Filme damals ausgesetzt waren.

ZEIT : Sie denken an Widerstände wie etwa gegen Ihren Deportationsfilm Nacht und Nebel.