Wenn eine Frau in der ganzen Welt zum Inbegriff von Kinderzugewandtheit wird, dann tauchen Fragen auf. Wieso eigentlich? Und: Wer ist die Frau? Beginnen wir bei Frage zwei. Die Frau ist natürlich Astrid Lindgren, die wunderbarste Kinderbuchautorin aller Zeiten, was man jedenfalls für die ersten 6000 Jahre der Schriftkultur behaupten kann. Mehr über Astrid Lindgren erzählt das Buch mit Bildern und Texten zu ihrem Leben, das zur Feier ihres 100. Geburtstages erschienen ist. Astrid und der Skinhead, 1995 ;
aus dem Bildband »Astrid Lindgren - Bilder ihres Lebens« BILD

»Sie war ja nicht wie andere Mütter«, sagt darin ihr Sohn Lasse. »Sie saß nicht neben dem Sandkasten auf einer Bank. Sie wollte selber spielen.« Sie war, erzählt übrigens ihre Enkelin Karin Alvtegen, die auch Bücher schreibt, zu allen Menschen gleich freundlich, egal, ob es der König war oder ein armer alter Mann. Man nannte sie einfach Astrid.

Sie war das Kind von Bauern. Und was für Bauern! Von Hanna und Samuel August Eriksson erzählt Astrid hier eine Liebesgeschichte, die sich über 73 Jahre erstreckt und alle beklommen machen kann, denen so Schönes nicht widerfahren ist, was ja einige sein dürften. Solche Eltern also.

Sie war Schwester eines großen Bruders und zwei weiterer Töchter, und diese vier tobten in Bullerbü, was Näs hieß, in solcher Freiheit herum, sprangen zehn Meter tief ins Heu und mussten auch Roggen stoppeln und Brennnesseln rupfen und andere Schrecklichkeiten überleben, dass die Abenteuer für ein ganzes Erzählerinnenleben reichten. Was einen ganz merkwürdig auf unsere Kinder gucken lässt, die von ihren Mamis im Zweitwagen eilig zum Kinderturnen kutschiert werden. In Näs musste man nicht mal zum Essen pünktlich erscheinen.

Sie war alleinerziehende Mutter eines unehelichen Kindes und schuftete als Sekretärin in Stockholm, um es sich am Wochenende leisten zu können, nach Kopenhagen zu reisen, wo ihr Sohn bei Pflegeeltern lebte, ein Weg 14 Stunden im Zug. Sie war so arm, dass sie Hunger hatte und Furcht vor dem Winter. Die Einsamkeit und die Sehnsucht waren so groß, dass sie noch mit über 80 Jahren und, erlahmend und erblindend, in sich Geschichten dräuend fühlte, wie sie traurigen einsamen Kindern zur Hilfe eilt.