»Weißt was? Halt die Gosch’n, und spiel im Takt!« So hat man sich das eher nicht vorgestellt, wenn das berühmteste Streichquartett der Welt an Nuancen feilt. Aber der Bratscher durfte das. Er hat ja auch noch ganz andere Sachen gesagt. Zum Beispiel, dass man beim Traurigsein in der Musik nie schleppen darf, nicht langsam werden. »Sonst wird’s gemütlich.« Ein kluger, witziger Mensch. Wenn man ihm zusieht in einer Filmaufnahme, in der das Alban Berg Quartett Schuberts Der Tod und das Mädchen spielt, fällt auf, wie oft er zu den andern schaut. Wie sensibel er mit dem Bogen auf ihre Äußerungen reagiert. Ein Gespräch. Seit eineinhalb Jahren sprechen sie ohne ihn, Thomas Kakuska starb im Juli 2005. Seine Schülerin ersetzt den Bratscher, aber natürlich ersetzt sie ihn nicht. »Den Tommy hätten Sie kennenlernen müssen«, sagt Günter Pichler und lächelt und ist traurig. Tommy, das war der vierte Beatle der Kammermusik. Das Alban Berg Quartett besteht aus Valentin Erben (Cello), Isabel Charisius (Bratsche), Gerhard Schulz (zweite Geige) und Günter Pichler (erste Geige) © Alban Berg Quartett/ Juri Tsaryski BILD

Der erste war Pichler selbst. Der Geiger hat vor 36 Jahren das Alban Berg Quartett gegründet, aus dem das wohl erfolgreichste Streichquartett aller Zeiten wurde. Jetzt hat es seinen Abschied vom Konzertpodium zum Ende der nächsten Spielzeit angekündigt. »Das ist eigentlich ganz schön«, meint der 67-Jährige, so mache man Schluss auf hohem Niveau, während die Streichquartettszene in voller Blüte steht. In Europa gebe es »mehr Konzerte als je zuvor«, sagt er. Und Deutschland biete volle Säle selbst in der Provinz. »Uelzen! Erstaunlich!« Zu den Großen aus den Siebzigern und Achtzigern, neben dem »ABQ« vor allem Arditti, Kronos und Emerson, sind in den letzten fünfzehn Jahren exzellente neue Quartette gekommen: Artemis, Belcea, Carmina, Hagen, Leipziger Streichquartett, Mandelring, Mosaïques, Petersen, Rasumowsky, Rosamunde…

Viele von ihnen haben beim Alban Berg Quartett gelernt und studiert. Nicht dass die vier Österreicher die Verbindung von Analyse und Ausdruck erfunden hätten, von Präzision und Emotion. Aber bei ihnen entstanden ein Ton, eine Stimme, eine Wärme der Intelligenz, die das Genre in ein neues Licht setzte, die das Intime, unspektakulär Elitäre der vier Streicherstimmen auch beim großen Publikum als Musiksprache etablierte und viele Komponisten anregte. Etwa Wolfgang Rihm, der für den Bratscher ein Requiem schrieb, ein Grave. Damit waren sie kürzlich auf Tournee. Anfangs schweigt die Viola. Isabel Charisius hört zu, wie ihre drei Kollegen die Leere umspielen. Rihms Gedenkmusik ist unsicher im besten Sinne: hellhörig, schwebend. Da entwickelt sich, flüchtig tröstend, Vorhaltsharmonik und wird wieder verlassen hin zu jener großen Freiheit des Ausprobierens, die es so nur bei diesem Komponisten gibt. Zwischen expressiven Passagen, Schraffuren, Pfeiftönen, Akzenten und Nebeln und auch mal einem Durakkord bilden sich da keine Regeln, aber Zusammenhänge, tief gesponnen. Ein Tonfall der Struktur entsteht. Immer wieder umgeben in großer Ruhe die drei Stimmen jene eine, ohne dass man sagen könnte: Da ist das Zentrum. Als formale Eindeutigkeit – neben dem Schweigen der Viola, die später ewigkeitlich lange Töne spielt – erlaubt sich Wolfgang Rihm nur, mit dem Schluss den clusterartigen Anfang aufzugreifen. Welche Arbeit darin steckt, diese Musik so einleuchtend und offen wirken zu lassen, daran denkt man nicht, wenn das Alban Berg Quartett spielt. Alles lebt.

»Was macht man da?«, fragt sich der Primarius, wenn er zum ersten Mal eine neue Partitur wie die von Rihm sieht, vierfaches Forte und vierfaches Piano. »Wie leise kann man das spielen, was meint er damit wirklich?« Erst »nach einer gewissen Zeit des Einlesens« verstehe man das. Darin haben die Bergs Übung. Von Anfang an spielten sie Altes und Neues nebeneinander. Und zufrieden waren bisher noch alle Komponisten, die ihre Musik von diesem Ensemble hörten. Luciano Berio war »grateful forever«, Witold Lutoslawsky hielt die »ABQ«-Interpretation seines bahnbrechenden Quartetts von 1964 für unüberbietbar, György Kurtág sagte nach den Mikroludien: »Ihr seid die Einzigen, die das spielen können.« Dabei hatte er gegen seine Gewohnheit nicht in die Proben eingreifen dürfen. Komponisten werden hier höchstens mal zur Generalprobe zugelassen.

Der allererste Moderne in ihrem Repertoire konnte sie ohnehin nicht hören. Namenspatron Alban Berg starb 1935. Seine Witwe Helene wollte die vier jungen Musiker selbst hören, ehe sie ihren Segen gab. »Wir mussten die Lyrische Suite in dem Zimmer spielen, in dem Berg sie komponiert hat.« In diesem Stück hat Berg seine verzweifelte Liebe zu Hanna Fuchs, der verheirateten Schwester Franz Werfels, in Töne gebracht. Gespickt mit Symbolmotiven und geheimer Programmatik, die in einem Tristan- Zitat einmal ganz offen ausbricht, ist das eins der glühendsten Liebesbekenntnisse der Geschichte in der Literatur für Streichquartett. »Das war alles so aufregend für uns«, sagt Pichler. Sie spielten vor versammelter Wiener Musikprominenz. »Helene war sehr wach und interessiert« – und begeistert.