Es war der Augenblick, den jede Reisegruppe kennt. Jener Moment, in dem plötzlich aufleuchtet, was sie in ihrem Innersten zusammenhält. Am Morgen des vorletzten Tages sprang der Bus nicht mehr an, und Alois, der Landwirt aus Niederbayern, kroch in die Eingeweide des Gefährts, bis man nur noch seine Haferlschuhe sah. Aus den Tiefen des Motorraums grantelte er im dunkelsten Dialekt, und ein grau melierter Herr in vornehmer Wildlederjacke reichte ihm ein eilig organisiertes Arsenal von Drähten, Zangen und Schraubenschlüsseln. Später erfuhren wir, dass Alois’ Assistent ein promovierter Ingenieur der Entwicklungsabteilung von Opel war. Als der Motor wieder brummte wie ein sattes Tier, machte unser schwarzer Fahrer Brad einen Luftsprung und hörte gar nicht mehr auf, Alois zu herzen. Alles johlte und applaudierte, und Alois strahlte wie ein Kind, das gerade die Erwachsenen durch einen Purzelbaum begeistert hat. Die pure Lebenstüchtigkeit hatte gesiegt. Auf einmal spürten alle, was sie gemeinsam hatten. Der Zivi aus Leipzig mit dem knisternden Pennälerpullover, die ewig kichernde polnische Familie oder der Hannoveraner Jurist, der immer etwas abseits stand und so wunderbar klug grinsen konnte. "Wir sind eben alle Aldi", sagte einer, und jeder wusste, was er damit meinte: dass Pragmatiker prima durchs Leben kommen. Auch durch Amerika. Aber der Reihe nach.

In drei Bussen zu den Niagarafällen. 700 Kilometer, draußen schneit’s

Im Flugzeug nach New York kneift mich noch die Scham. Beim Durchblättern der Reiseunterlagen flitzt mein Daumen immer wieder in die linke obere Ecke, um das Logo von Aldi Süd zu verbergen. Ich will mich nicht zu erkennen geben. Noch nicht. Lieber stelle ich Mutmaßungen an. Wer in der Maschine hat wie ich "Glanzlichter der Ostküste" gebucht, die erste Aldi-Reise in die USA? Wer besucht New York, die Niagarafälle, Washington und Philadelphia mit Flug, Busfahrten und sechs Übernachtungen für gerade mal 799 Euro? Die Knallblonde mit der Tätowierung über dem Steiß, die schon im Flughafen so opportunistisch wie sinnlos die Warteschlangen wechselte? Die drei Rentnerinnen, die sich permanent Frauenzeitschriften reichen? Die beiden Jungspunde vor mir, die sich vom Steward erst die Silberfolie von der Warmhalteschachtel knibbeln lassen müssen, um zwischen Hühnchen und Pasta entscheiden zu können?

Sie alle treffe ich später im harten Neonlicht der Ankunftshalle des New Yorker Flughafens JFK, wo es so piefig aussieht wie bei Aldi in Köln-Nippes. Es ist wohl dieser calvinistische Mief amerikanischer Flughäfen, der meinem Dünkel Zucker gibt. Ich stehe im anschwellenden Tross der Discounturlauber aus fünf verschiedenen Flugzeugen und hake die Klischees ab. Armselige Koffer drängen in meine Wahrnehmung, Jacken und Hosen, die nichts als bequem sein wollen, und immer wieder Deichmann-Schuhe. Eine Stunde geht das so, dann trippeln wir endlich zum Bus. Der Weg mäandert durch Tiefgaragen und über Zubringerstraßen. Schneeflocken wirbeln. Kofferrollen rattern. Und der eisige Wind beißt mir Stücke aus dem Gesicht. Minus zehn Grad Celsius. Im März. So muss es auf der Flucht übers Oderhaff gewesen sein, denke ich. Auf dem gereckten weiß-blauen Schild der Reiseführerin steht: "Willkommen im Urlaub".

Von Aldi steht da nichts. Das Schild gehört dem Veranstalter Berge & Meer, der die Reisen ausrichtet. Mehr als 30000 Urlaube hat der größte Reisedirektanbieter Deutschlands in den ersten drei Wochen nach dem Auftakt am 5. Januar für Aldi verkauft. Gebucht werden die fünf monatlich wechselnden Standardangebote nur online oder per Telefon. Das und der massenhafte Einkauf von Flügen und Hotels macht die Aldi-Pauschalreisen so unverschämt günstig. Angst vor einer touristischen Apartheid brauche niemand zu haben, beteuert Berge & Meer. Der Geschäftsführer Reiner Meutsch versichert, dass Aldi-Bucher das gleiche Frühstück bekämen wie alle anderen Gäste.

Nun stehe ich am Morgen von Tag zwei mit einem Teller in der Hand im Restaurant unseres New Yorker Hotels. Die Schlange zum Buffet ist so lang wie an einer Aldi-Kasse vor Ostern. Erst spät erkenne ich, wofür wir eigentlich anstehen. Auf der Anrichte liegen ein Haufen Cheddarkäse und ein Stapel Kochschinken. Beide sind zu einem kompakten orange-rosa Turm zusammengeklatscht worden. Dazu gibt es muffige Bagels und Marmelade. "Hingeschissen", motzt einer hinter mir. Ich überlege, ob ich zurück aufs Zimmer gehen soll. Doch dann setze ich mich zu den anderen. Mit eingezogenen Schultern bevölkern wir einen riesigen Hufeisentisch. Die Plätze, wo Würstchen, duftende Bratkartoffeln, Waffeln und Eier in allen Variationen geschmaust werden, sind für uns tabu. Von Defätismus aber keine Spur. "Des werd scho", frohlockt Alois. "Mei Computa is a vo Aldi. A supa Sach."

Der Tag in New York steht zur freien Verfügung. 24 Stunden im Glas- und Stahlgebirge Manhattans. Doch die liegen nun hinter uns. Am Morgen des dritten Tages geht es weiter. Jeder sitzt im Bus und schwärmt. Von Fifth Avenue, Empire State Building und Freiheitsstatue. Ich schwärme vom Blue Note Club. Die Funk-Band dort spielte so aufgekratzt, dass ich mich vor Enthusiasmus am Tresen festsoff. Ich Trottel. Jetzt faucht ein Kater in meinem Kopf und denkt in der engen Busröhre nicht daran, sich vertreiben zu lassen. Jeweils fünfzig Menschen sitzen in den drei Omnibussen, die bis auf den letzten Platz belegt sind. Jeder ist für eine Gruppe bestimmt. Es sächselt und berlinert, es babbelt und schwäbelt, dass es eine Art hat. Ganz Deutschland ist da. Und Deutschland ist spät dran. Die je nach Gruppe rot, grün und blau beschilderten Koffer für die rot, grün und blau gekennzeichneten Busse haben getrödelt. Die New Yorker Gewerkschaft der Kofferträger hat nämlich beschlossen, dass bezahlt werden muss. Acht Dollar pro Gepäckstück. Egal, ob man selber trägt oder nicht. Es gebe ja jetzt diese Rollen, und die machten sonst die bellmen arbeitslos, erklärt man uns. Bezahlt ist bezahlt, sagt der Aldianer und lässt tragen. Oder rollen. Aber das dauert.