Der Weg zu Kasimir Malewitsch, dem Gottvater des Schwarzen Quadrats, beginnt in der Hamburger Kunsthalle im Makart-Saal, einem Raum, der hält, was er verspricht. Auf einer abendfüllenden Leinwand drängeln sich leicht und schwer bekleidete Figuren rund um den gloriosen Einzug Kaiser KarlsV. in Antwerpen, so, wie sich Hans Makart, der Malerfürst der Wiener Gründerzeit, das Geschehen von 1520 im Jahr 1878 ausmalte. An anderen Wänden, auf- und übereinander gereiht in der sogenannten Petersburger Hängung, Dokumente derselben großbürgerlichen Bilderseligkeit, Porträts bedeutender Männer oder wackerer Bauern, Szenen der nahen Idylle und fernen Exotik. Nur ein Grubenwagen mit angekokelten Holzscheiten von Jannis Kounellis löst eine leichte Irritation aus. Wer hier steht, der begreift auch ohne lange Einleitung, dass er ein Erdbeben der Kunst nacherlebt. Zwei Zitate von Malewitsch sieht er im Durchgang zum nächsten Raum, der Makart von Malewitsch trennt, dazu Claes Oldenburgs großen Lichtschalter aus schmuddligem, weißen Leinen (1963). Malewitsch, 1927: »Die Welt als Empfindung der Idee, unabhängig vom Bild – das ist der wesentliche Inhalt der Kunst. Das Quadrat ist nicht das Bild. So, wie der Schalter und der Stecker auch nicht der Strom sind.« Fragile Balance: »Point Load« von Richard Serra (1988) BILD

»Ich habe die nackte Ikone meiner Zeit gemalt«, schrieb der Künstler 1918

So schwerelos, wie hier von Hubertus Gaßner inszeniert, kann eine kapitale Kunst-Lektion sein, selbst wenn es um das schwärzeste Kapitel geht. Das Schwarze Quadrat auf weißem Grund (in Hamburg ist die Version von 1923 zu sehen) ist in seiner Faktizität ein Bild und in seiner ihm vom Künstler implantierten Spiritualität ein religiöses Objekt. In der Letzten Futuristischen Ausstellung 0.10, die 1915 in Petrograd eröffnet wurde, ist die erste Fassung (man nimmt an, dass es vier Exemplare gibt) übereck unter der Zimmerdecke montiert, dort, wo im russischen Zimmer der Platz der Ikone war. »Ich habe die nackte Ikone meiner Zeit gemalt… das Königliche in seiner Wortkargheit«, schrieb Malewitsch, der in umfangreichen Schriften in diktatorischer Deutlichkeit oder auch pathetischer Konfusion immer wieder seinen messianischen Anspruch formulierte, 1918 in einem offenen Brief an Alexander Benois. Und wenn man auf das Bild zugeht, dann entfaltet das Schwarze Quadrat auch seine königlich wortkarge, ikonische Wirkung. Nichts ist auf dieser intensiv und leicht holperig bemalten Leinwand zu erblicken, aber gerade in dieser gegenstandslosen Erregung (ein Wort, das, genauso wie »Empfindung«, von Malewitsch oft verwendet wird) ist jede Erkenntnis möglich.

Das leicht verzogene, kleinere Rote Quadrat, im selben Jahr 1915 entstanden wie das erste schwarze, bringt einen Hauch von Heiterkeit in das nackte Geschehen, nicht zuletzt durch den Untertitel Malerischer Realismus einer Bauernfrau in zwei Dimensionen. Mit dem Schwarzen Kreis und dem Schwarzen Kreuz, auch diese, wie die Quadrate, auf weißem Grund, hat man im zentralen ersten Ausstellungsraum alle Formen beisammen, die Malewitschs vom »Ballast der Gegenständlichkeit« befreite Kunst der »reinen Empfindung« ausmachen, für die er den Namen Suprematismus erfand. Suprematismus – die gegenstandslose Welt oder das befreite Nichts, diese Schrift von 1922 war nicht die einzige programmatische Publikation, die im nachrevolutionären Russland die neue Kunst und den neuen Menschen forderte. Aber schon damals war der halluzinatorische Ton von Malewitsch, waren seine mit dem Anspruch des Kanonischen gesetzten Formen von singulärer Wirkung, was man nicht zuletzt daran sehen kann, dass sein Suprematismustext schon 1927 in der Reihe Neue Bauhausbücher publiziert wurde.

Das Schwarze Quadrat, das im pränatalen Zustand zuerst 1913 auf dem Bühnenvorhang für die futuristische Oper von Alexander Skrjabin Sieg über die Sonne auftauchte, duldet keinen nachbarschaftlichen Vergleich wie etwa den mit Mondrians Kompositionen mit Farbflächen, die dieser zur gleichen Zeit entwickelte. Das Schwarze Quadrat hat keine Nachbarn, allenfalls eine der Herkunft, zum Beispiel aus Dürers Kupferstich Melencolia I, wo im magischen Quadrat die vier mal vier Zahlenreihen jeweils die Summe 34 ergeben.