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Noch nie hat ein nicht existentes Waffensystem so viele real existierende Reflexe ausgelöst wie die zwei Handvoll Abwehrraketen, die Amerika 2011 in Polen aufstellen will. Denn kaum hatte Wladimir Putin das Projekt ins Visier genommen, da schwenkten die deutschen Geschütze schon in dieselbe Richtung. Eine US-Abwehrrakete startet in Kalifornien BILD

Putin warnte vor »Systemen, die uns beunruhigen« und »unweigerlich in einen Rüstungswettlauf« ziehen würden. Die hiesigen Reaktionen – von links bis weit in die Mitte – werden den Kreml erst verblüfft, dann verzückt haben. So einfach war es also, die Deutschen gegen die Amerikaner aufzuwiegeln?

Der SPD-Vorsitzende Kurt Beck sah schon einen neuen »Kalten Krieg« heraufziehen. Renate Künast (Grüne) nannte das »Verhalten der Amerikaner absolut inakzeptabel«. Außenamtschef Steinmeier will »kein neues Wettrüsten in Europa«. Und Gerhard Schröder attackierte eine »unsinnige Einkreisungspolitik gegenüber Russland«. Ob die Nostalgiker der Partei von einem Remake des Anti-Amerika-Wahlkampfes 2002 träumen? Die interessantere Frage ist, wie hier rational Sicherheitspolitik debattiert werden kann, wenn so wenige Fakten so schnell so viele Gewissheiten zeugen. Deshalb ein Versuch, mit öffentlich zugänglichen Informationen einen Leitfaden für den Diskurs zu spinnen.

Droht ein neuer Rüstungswettlauf mit Russland? Also: Je mehr Defensiv-, desto mehr Offensivwaffen? Wenn ja, dann nicht wegen der zehn Antiraketen, welche etwa die iranische Shahab-4 abfangen sollen. Denn diese OBVs (Orbital Booster Vehicles) könnten Moskaus Angriffspotenzial nur unter sehr fantasiereichen Annahmen schwächen. Bekanntlich würden russische Interkontinentalraketen auf die USA die Pol- und nicht die weitaus längere Polenroute nehmen; sie würden nicht west-, sondern nordwärts fliegen. Ja, aber könnten die Raketenkiller nicht von der Weichsel aus zum Pol aufsteigen? Möglich, aber nicht bequem, denn sie müssten dabei 4000 Kilometer zurücklegen.

Das Problem: In dieser Mittleren Phase (etwa 20 Minuten) flögen die russischen Sprengköpfe, die sich bereits vom Träger gelöst hätten, zweieinhalb mal schneller im All als die vom OBV hochgepuschten Kill Vehicles. »Die können sie nicht erwischen«, sagt Henry Obering, Chef der Raketenverteidigung MDA, zur ZEIT. Bequemer ist der Abschuss von Alaska aus, wo in Fort Greely schon 14 ähnliche Systeme stehen. Merkwürdigerweise hat Putin gegen diese wirklich gefährlichen Waffen noch nie gepoltert, obwohl die nur eine Funktion haben: russische Interkontinentalgeschosse zu vernichten.

Umso interessanter ist deshalb das Votum des Chefs der russischen Spezialstreitkräfte Jurij Solowjow: Die Raketenfänger in Polen »werden unsere Interkontinentalraketen kaum treffen können«. Also auch keinen Grund für einen Rüstungsschub liefern, zumal die Russen mit neuem Know-how längst einen neuen Raketentyp, die TopolM, aufgelegt haben. Dessen Sprengköpfe »manövrieren«, schlagen also Haken, um die Kill Vehicles auszutricksen.

Offene Fragen: Wie weit können diese OBVs denn fliegen und wie schnell? »That’s classified«, geheim, sagt Obering. Wir wissen nur, dass die dreistufige Alaska-Version auf 2000 Kilometer steigt. Die leichtere polnische soll nur zweistufig sein, um so bei kürzerer Warnzeit schneller zu beschleunigen. Ergo hätte sie eine geringere Reichweite – »ein paar Hundert Kilometer«. Mehr sagt Obering nicht.

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Und wenn das Kill Vehicle trifft? Das geschähe bei einer (summierten) Geschwindigkeit von 40000 Stundenkilometern. Bei diesem Tempo ist eine Sprengladung unnötig, das Kill Vehicle »pulverisiert« (Obering) den Sprengkopf. Die Überbleibsel? Die seien winzig und würden beim Sturz in die Atmosphäre verbrennen. Obering: »Nach unseren Berechnungen liegt das Verletzungsrisiko bei eins zu zweieinhalb Millionen. Trotzdem: Besser Müll als eine Atombombe aus dem All.«

Offene Fragen: Explodiert die Atombombe, wenn sie »pulverisiert« wird? Rein theoretisch nein, weil eine Kernwaffe ein »zartes« Ding ist. Es verträgt keine Kollision, weil komplexe Sequenzen in feinster Abstimmung, in Nanosekunden ablaufen müssen. Und in der Praxis? Obering gibt zu: »Wir wissen nicht, ob der Sprengkopf detoniert, wollen natürlich auch keine Experimente wagen und ihn deshalb so hoch wie möglich im All treffen.«

Warum nicht Kurzstreckensysteme nach Osteuropa? Die amerikanische THAAD könnte russische Raketen auf dem Weg nach Amerika nicht einmal theoretisch treffen. Diese Endphasenwaffe soll die iranische Shahab-4 (laut MDA 5000 Kilometer) abfangen. Deutsche und Italiener bauen Ähnliches mit den Amerikanern (MEADS), dito die Franzosen mit Thales. Obering: »Iranische Raketen will man so weit weg und so hoch wie nur möglich treffen, also in der Mittleren Phase, wo viel mehr Zeit bleibt als in der 60-Sekunden-Endphase.«

Offene Frage: Wenn schon die Mittlere Phase die günstigste ist, warum nicht ein seegestütztes Aegis-System im Mittelmeer nutzen, das just für diesen Teil der ballistischen Kurve bestimmt ist? Außerdem nutzt es für den weiten Blick ein ähnliches X-Band-Radar wie das für Tschechien geplante. Obering lapidar: »Die Aegis sind nicht optimal für bestimmte Flugbahnen.« Das müssten also die Physiker vom BND klären.

Geteilte Sicherheit für das »alte« und »neue« Europa? Das ist das beliebteste Argument in der deutschen Debatte, ergibt aber wenig Sinn. Denn wenn der polnische Zehnerpack funktioniert, kann es mittelöstliche Raketen auf Berlin und Paris genauso gut abfangen wie solche auf Warschau. Obering: »Abgedeckt werden Frankreich, Deutschland, Italien, alle Länder, die geschützt werden müssen; dazu sogar Westrussland.« Will wohl sagen: Eine iranische 5000-Kilometer-Rakete schafft es nicht bis Spanien und Portugal.

Offene Frage: nur die grundsätzliche – ob’s funktioniert oder nicht. So mancher Test ist gescheitert, und die erfolgreichen Tests fanden bislang unter sorgfältig zurechtgelegten Bedingungen statt.

Verletzung des Zwei-plus-vier-Vertrages, wonach keine Truppen der Alt-Nato jenseits der Ex-DDR stationiert werden dürfen? Die US-Lesart laut Dan Fried, dem Chef der Eurasien-Abteilung im State Department: »Diese Verpflichtung gab es nicht«, betont er gegenüber der ZEIT. »Die Nato hat aber 1997 einseitig erklärt: keine substanziellen und permanenten Kampftruppen unter heutigen Bedingungen. Eine Brigade wäre wohl okay, eine Division nicht. Zehn Raketen ohne Sprengkopf und ein paar Hundert Beschützer bleiben unterhalb der Schwelle.«

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Offene Frage: Wie sehen das die Russen? Bei Bedarf werden sie schon anders argumentieren.

Sind Europäer und Russen überrascht worden? Das verneinen die USA vehement. Dan Fried: »Einen Tag nachdem das Auswärtige Amt unsere Informationspolitik kritisiert hatte, verteilte ich an die 27 EU-Botschafter eine lange Liste der Vorgespräche mit den Russen.« Obering: »Ich habe den Nordatlantischen Rat (Nato) 2004 persönlich informiert, die Russen im November 2006. Unsere Experten haben mit den russischen davor ein ganzes Jahr lang geredet, und wir haben Osteuropa als Stationierungsort erwähnt.« Sogar Donald Rumsfeld (Pentagon-Chef bis Ende 2006) habe die Raketenabwehr mit seinem Kollegen Iwanow diskutiert. Fried fügt hinzu: »Es gab reichliche Konsultationen mit den Europäern und nicht bloß mit den ›Techies‹, sondern auf höherer Ebene.« Beide betonen, dass Iwanow zur Besichtigung nach Fort Greely eingeladen worden sei, aber abgelehnt habe.

Offene Fragen: Wurde konsultiert oder bloß informiert? Bis zur politischen Ebene? Und wie spezifisch? Dan Fried: »Wir haben’s nicht runtergespielt.« Warum dann der Chor der Kritik von Paris bis Berlin? Eine plausible Antwort lautet: So funktionieren Regierungsbürokratien in aller Welt – Probleme, die nicht auf dem Tisch der Mächtigen landen, existieren nicht.

Doch just dort sind sie nach Putins gezielter Tirade im Februar gelandet, auch weil sich die SPD seiner Argumente bemächtigt hat – sei’s wegen alter Reflexe, sei’s wegen neuer Hoffnungen, im nächsten Wahlkampf mit Außenpolitik zu reüssieren, wo Angela Merkel ihnen vorausschauend den linken Zunder in der Sozial- und Familienpolitik stiehlt.

Die vorläufige Moral? Man darf die Bushisten dafür geißeln, dass sie die emotionale Ladung dieser Abfangsysteme nicht erkannt, die diplomatische Vorarbeit wieder einmal vernachlässigt und das Geschick des strategischen Großmeisters Putin unterschätzt haben. Die Russen wissen sehr wohl, dass dieser Zehnerpack ihnen nichts anhaben kann – aber schon als Entwurf treffsicher gegen Osteuropäer und Amerikaner eingesetzt werden kann. Das Pentagon denkt Technik, der Kreml Große Strategie. In diesem Spiel wäre nicht der neue Henry (Obering), sondern der alte (Kissinger) ein ebenbürtiger Widerpart für Putin. Aber Kissinger wird im Mai 84.

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