Manchmal reicht eine einzige Unterschrift, um aus einem hoch angesehenen Topmanager einen Untersuchungshäftling zu machen. So kann es jedenfalls im Fall des Johannes Feldmayer gewesen sein. Der 50-Jährige ist Mitglied im Vorstand der Siemens AG. Seit 2003 gehört er dem obersten Führungsgremium des größten deutschen Elektrokonzerns an. Der Manager, der eine Ausbildung an der Insead im französischen Fontainebleau absolviert hat, ist Teil der Elite deutscher Konzernherren. Bei der Europa-Holding von ExxonMobil sitzt er im Aufsichtsrat. Auch bei Infineon ist er einer der Kontrolleure, die die Vorstände beaufsichtigen. Am Dienstag ließ die Nürnberger Staatsanwaltschaft den drahtigen Schnauzbartträger in Haft nehmen. Erstmals wanderte ein Mitglied des amtierenden Siemens-Vorstands zu Untersuchungszwecken ins Gefängnis. Damit erreichte die Affäre um Schmiergeldzahlungen des größten deutschen Elektronikkonzerns einen spektakulären Höhepunkt.

Die Nürnberger Staatsanwaltschaft agiert ohne Ansehen der Position. Sie wirft Feldmayer und einigen anderen Siemens-Mitarbeitern Untreue vor. Die Ermittler hegen den Verdacht, »dass in den Jahren 2001 bis 2005 aus dem Vermögen der Siemens AG Zahlungen an eine Unternehmensberatungsgesellschaft geflossen sind, ohne dass hierfür werthaltige Gegenleistungen erbracht wurden«, wie es in einer Erklärung heißt. Feldmayer wird beschuldigt, für diese Zahlungen verantwortlich zu sein.

Der Manager, der seit Oktober vergangenen Jahres Honorarprofessor ist und an der Technischen Universität Berlin strategisches Management lehrt, hat im Siemens-Vorstand die Zuständigkeit für die IT-Tochter SIS. Er betreut aber nicht nur diesen im Umbau steckenden Bereich, sondern verantwortet außerdem die Geschäftsbereiche Gebäudetechnik und Immobilien. Überdies bekleidet der Mann, der seit 1979 für Siemens arbeitet, das Amt des Europa-Chefs.

Feldmayers spektakuläre Verhaftung ist eine Folge der Affäre um die Arbeitsgemeinschaft Unabhängiger Betriebsangehöriger (AUB). Die AUB ist eine Art von Antigewerkschaft, sie gilt als arbeitgeberfreundlich. Die Organisation besteht seit fast 22 Jahren. Ihr Gründer ist der frühere Siemens-Mitarbeiter Wilhelm Schelsky, Sohn des berühmten Soziologen Helmut Schelsky.

Die AUB ist im Siemens-Aufsichtsrat vertreten und stellt in einem Bereich den Betriebsratschef. Sie hat in der Vergangenheit im Gegensatz zur IG Metall auch manchen umstrittenen Plan der Konzernführung unterstützt. »Betriebsnah, Ideologiefrei, Zukunftsorientiert« lautet der Slogan der »unabhängigen Arbeitnehmervertretung«, die einer »konstruktiven Auseinandersetzung« mit Arbeitgebern statt »ideologischer Grabenkämpfe« das Wort redet. Handlungsmaxime sei, so ist auf der AUB-Homepage zu lesen, der »im Betriebsverfassungsgesetz verankerte Grundsatz der vertrauensvollen Zusammenarbeit zwischen allen Partnern im Unternehmen«.