Es ist ein tief gedemütigter Jimmy Carter, der am 21. Januar 1981 in Wiesbaden eintrifft. Tags zuvor ist in Washington Ronald Reagan als sein Nachfolger vereidigt worden. Ebenfalls tags zuvor sind in Teheran 52 amerikanische Botschaftsangehörige freigelassen worden; 444 Tage lang hatte das Revolutionsregime sie als Geiseln festgehalten. Carter spricht in Wiesbaden anderthalb Stunden lang mit den Landsleuten. Dann fliegt er zurück, direkt nach Plains, Georgia, in den politischen Ruhestand. Seine Präsidentschaft liegt in Trümmern. BILD

In Großbritannien steht Tony Blair nicht zur Wiederwahl; die Übergabe der Macht an Schatzkanzler Gordon Brown in diesem Sommer ist beschlossene Sache. Aber die Gefangennahme von 15 britischen Marinesoldaten könnte auch auf Blairs letzte Monate im Amt einen Schatten werfen. Eine verblüffende Parallele. Denn seit Jimmy Carter hat kein Regierungschef so demonstrativ die Menschenrechte zum Maßstab seiner Politik gemacht wie Großbritanniens Premier. Dann aber verstrickte er sich an der Seite George W. Bushs heillos in den Irakkrieg. Auch Blair droht ein schmählicher Abgang.

Die zweite Teheraner Geiselkrise muss keine 444 Tage dauern; vielleicht nimmt sie schon bald ein gutes Ende. Und doch stellen sich ähnliche Fragen wie nach dem 4. November 1979, als die Revolutionsgarden des Ajatollah Chomeini die amerikanische Botschaft stürmten. Wie geht man um mit einem Regime, das auf den zwischen Staaten üblichen Komment pfeift, das Diplomatie nach Freibeutermanier betreibt?

Was gar, wenn der Geiselnehmer demnächst Atomwaffen hat? »Ein nuklear aufgerüsteter Iran ist nicht akzeptabel«, hat Bundeskanzlerin Merkel erst am vergangenen Wochenende in Jerusalem gesagt. Wie dies aber zu verhindern ist, weiß sie genauso wenig wie Bush oder Blair. Jacques Chirac hat jüngst mit dem Gestus des abgebrühten Realpolitikers erklärt, ein oder zwei iranische Atombomben würden ihn nicht übermäßig beunruhigen. In Israel sieht man das anders.

Wie bedrohlich ist die Lage der gefangenen Briten wirklich? Und wie sollen wir es halten mit dem provozierenden Machtanspruch Teherans?

Wenn Demonstranten nach dem Freitagsgebet oder im Fußballstadion »Tod England! Tod Amerika! Tod Israel!« rufen, so mag das bedrohlich klingen, gehört aber noch zu Irans revolutionärer Folklore; wenn Steine und Brandsätze auf die britische Botschaft fliegen, wenn der Staatspräsident von London eine Entschuldigung verlangt, dann signalisiert das, die Sache kann sich hinziehen. Für den Ausgang der Affäre wird zweierlei entscheidend sein: das außenpolitische Kalkül und das innenpolitische Kräftespiel.