So sieht kein Mann aus, der gerade den Heiligen Gral gefunden hat. Christoph Markschies steht in einem Rosenbeet zwischen Reihenhäusern an der Dov-Gruner-Straße im Jerusalemer Vorort Osttalpiot. Dornen verhaken sich in seiner Hose. Der Kirchenhistoriker und Präsident der Humboldt-Universität zu Berlin beäugt skeptisch eine badetuchgroße Bodenplatte aus Beton. Im Mörtel, der sie fixiert, sind die Initialen der Produktionsfirma von James Cameron eingeritzt, des mehrfach oscardekorierten amerikanischen Regisseurs. Die Platte verdeckt den Eingang zu einer 2000 Jahre alten Gruft, welche Cameron in einem Dokumentarfilm als den »Heiligen Gral« verkauft: das Familiengrab Jesu Christi. Jesus sei hier mit seinen Eltern, seinem Bruder, seinem Sohn und seiner Frau Maria Magdalena bestattet. Die Altstadt Jerusalems im Morgenlicht: Für jedes Ereignis der Passionsgeschichte existiert ein bestimmter Ort BILD

Aber Markschies hält nichts von dieser Geschichte. »Clever inszeniert, aber frei erfunden«, urteilt er. Und weil die schlagendste Widerlegung ist, das echte Grab Jesu zu finden, machen wir uns auf Spurensuche.

Die Jerusalemer Altstadt wimmelt von Fährten. Für fast jedes Ereignis der Passionsgeschichte existiert ein Gedenkort: eine Verratsgrotte, ein Garten Gethsemane samt Stein des Blutschwitzens, ein Saal des letzten Abendmahls, ein Kreuzweg mit 14 Stationen, eine Grabeskirche, vier Kilometer nördlich des Grabs in Talpiot. Wer dran glaubt, findet sogar Christi letzte Fußabdrücke – und allein der Glaube zählt in Jerusalem: Wallfahrer werfen sich auf den Stein der letzten Ölung, um ihm mit Zunge und Tüchern Salbenreste zu entziehen. Ein Jesuspilger trottet uns von der Via Dolorosa her entgegen, ein Mietkreuz in Originalgröße geschultert. Er trägt schwer daran, trotz der Gummirollen am langen Ende des Kreuzes. Die Fußgängerampel zeigt Rot. Der Jesusimitator schaut nach links und rechts. Dann schleppt er sein Kreuz bei Rot über die Kreuzung.

Man fühlt sich Jesus nahe – bis man im Jüdischen Viertel plötzlich vor einem Loch steht. Es ist ein Loch in Raum und Zeit. Der Blick geht hinab auf den antiken Cardo, die Ladenstraße zu byzantinischen Zeiten. »Da unten lag das Jerusalem, das Jesus kannte«, erklärt Markschies. Im Jerusalem von heute wandelt man meist vier oder fünf Meter darüber. Dazwischen liegt der Schutt aus zwei Jahrtausenden bewegter Geschichte, die Reste der Römer, Perser, Mamelucken, Kreuzfahrer und Briten. Die unzähligen Kriege um Jerusalem haben Trümmerschicht auf Trümmerschicht über die Vergangenheit gelegt, und Kriege holen sie wieder hervor: Der Abschnitt des alten Cardo kam beim Aufräumen nach dem Sechstagekrieg 1967 zwischen Israel und Jordanien zurück ans Licht. Fast nichts mehr aus Jesu Zeiten ist im heutigen Jerusalem zu sehen: ein paar Mauern, Gräber, Treppen und Zisternen, zwei Häuserruinen im damaligen Villenviertel.

Wer sich durch die Gassen der Altstadt bewegt, wechselt unweigerlich zwischen den Epochen und Kulturen hin und her. So geht der antike Cardo mit seinen Ladengewölben direkt in die heutige Basarstraße über, in der die Geschäfte kaum anders als damals laufen. Franziskanermönche naschen bei libanesischen Bäckern. Orthodoxe Juden stolpern über Hammelköpfe.

Gebeine eines Gekreuzigten mit Nägeln in den Fersen