Wenn der britische Schatzkanzler Gordon Brown früh am Morgen aus den Federn federt, schnappt er sich zuerst seinen iPod. Dann lässt der 56-jährige Labour-Politiker Beethoven, Bach, die Beatles, Coldplay, U2 und sogar James Blunt links liegen, um direkt seine Lieblingsmusik anzusteuern. "Nur die Arctic Monkeys machen dich morgens so richtig wach", vertraute er dem englischen Modemagazin New Woman an. Cool sollte das klingen. Uncool war nur, dass Brown auf Nachfrage kein einziger Songtitel der Arctic Monkeys einfallen mochte. Wo doch im vergangenen Jahr die Musikbranche, immerhin der achtwichtigste Industriezweig im Vereinigten Königreich, von den vier 18-Jährigen fast im Alleingang über Wasser gehalten worden ist. Ihre erste Single erschien im Oktober 2005 und blieb an der Spitze der Charts, bis sie im Januar 2006 von ihrer zweiten Single abgelöst wurde. Das Album, das dann kam, verkaufte 364000 Exemplare allein in der ersten Woche – es war der beste Start in der an erfolgreichen Debüts nicht eben armen Geschichte der britischen Hitparade.

Die Botschaft: Wenn Anfänger wie wir es schaffen, kann es jeder schaffen

Auf der Platte ging es um die Fährnisse des Heranwachsens in der Tristesse der nordenglischen Stahlarbeiterstadt Sheffield, um Lust, Renitenz, Rausch und einen ausgestreckten Mittelfinger schon im Titel: Whatever People Say I Am, That’s What I’m Not. Derlei rührenden Abwehrzauber hätten die Arctic Monkeys eigentlich gar nicht nötig. Ihnen ist etwas sehr Seltenes gelungen, das patriotische Kunststück nämlich, einen Querschnitt der englischen Gesellschaft an sich zu binden – vom einfachen Fan über das Feuilleton bis zum Finanzminister. Aus ihren Texten sprach der soziale Realismus des tatsächlich Erlebten, geschult am lapidaren Rap eines Mike Skinner aka The Streets und am Sarkasmus eines Morrissey von The Smiths, vorgetragen mit dem souligen Schmelz eines jungen Rod Stewart zum furiosen Donner der jungen The Who – in breitestem Yorkshire-Akzent, in dem "book" auf "fuck" sich reimt. Inzwischen hat die Band so viel Lorbeer angehäuft, dass es fast unmöglich scheint, mit dem nächsten Karriereschritt nicht einen Teil davon zu verspielen – wie die Kollegen von The Strokes. Oder sich darauf allzu sehr auszuruhen – wie die Kaiser Chiefs. Lässt eine Überraschung sich wiederholen? Könnte die Magie noch gesteigert werden? Was kann jetzt eigentlich noch kommen?

Antworten auf diese Fragen gibt das demnächst erscheinende Album Favourite Worst Nightmare – auf manche der Fragen, nicht auf alle. Denn neben ihren musikalischen Qualitäten hat ein ganzes Bündel von Faktoren den Aufstieg dieser Band befeuert, Faktoren, die weit über die Gruppe – und über den Pop selbst – hinausweisen. So ist es mehr als ein Gründungsmythos, dass die Arctic Monkeys ihre Karriere zunächst ausschließlich auf dem Internet gründeten. Damit "die Leute bei unseren Konzerten besser mitsingen können", brachte die Band im Herbst 2005 ihre ersten Songs in limitierter Auflage mit selbst gebrannten CDs in Umlauf. Lange zirkulierte diese Musik in Tauschbörsen und Foren, bevor ein paar Fans auf die gute Idee kamen, beim Internetportal MySpace eine spezielle Seite für die Arctic Monkeys einzurichten. Übrigens ohne Wissen der Künstler, denen es laut eigenen Beteuerungen schon allein am technischen Know-how gefehlt hätte, ihr Material ins Netz zu stellen. Dorthin, wo eine neue Generation von Nutzern sich untereinander über ihre Stars verständigte, unter Umgehung etablierter Kommunikations- und Vertriebswege, unter Auslassung also von Musikmagazinen und Plattenfirmen.

Der Erfolg der Arctic Monkeys ergab deshalb eine so schöne Geschichte, weil er keiner professionellen PR-Abteilung, sondern der Schwarm-Intelligenz dieser amateurhaften Onlinegemeinden zu verdanken war. Weil so was noch nie dagewesen war, feierten bald auch die etablierten Medien die Band als Paradebeispiel für das eher abstrakte kulturelle und ökonomische Potenzial des Web 2.0 – als Galions-Ensemble, das den Weg in die Zukunft zu weisen schien. Nur: Wer steuert das Schiff?

In der Tonträgerindustrie jedenfalls gab man sich willig der berauschenden Vision hin, ausgerechnet ihre digitale Nemesis könnte die arg gebeutelte Branche retten. Früher gehörte es nämlich zu den vornehmsten Aufgaben der Plattenfirmen, ihren frisch unter Vertrag genommenen Bands nach allen Regeln der Marketingkunst ein Publikum zu schaffen – bis der Ton sich von seinem Träger löste, den vermittelnden Zwischenhandel obsolet machte und die Branche in eine existenzielle Bredouille stürzte. Der erste Silberstreif an diesem düsteren Horizont waren die Arctic Monkeys. Nun schien es plötzlich so, als brächten diese jungen Gruppen ihr Publikum aus der Blogosphäre künftig gleich selbst mit in die Realität. Ein echtes Publikum, mit dem sich nicht nur Chatrooms füllen ließen, sondern ganze Stadien.