Es ist klirrend kalt, die Autoreifen knirschen auf vereisten Straßen. Der Eisbärenclub unten am Hafen ruft stolz die Vergangenheit der von Fjorden und Bergen umringten nördlichsten Stadt Europas in Erinnerung – als Zentrum der Jagd auf die Schmusetiere der von Katastrophenängsten bewegten Welt. Am Anleger der Hurtigruten verkauft ein Fischhändler Walfleisch, im Restaurant Odds stehen Seehundsteaks auf der Speisekarte. Auf minus BILD

Mitteleuropäisches Umweltverständnis hat Hammerfest, den arktischen Vorposten im hohen Norden Norwegens, bislang noch nicht ergriffen. Auch Sverre Kojedal, ein örtlicher Manager des norwegischen Ölkonzerns Statoil, lässt ganz unbekümmert den Motor seines Geländewagens weiterschnurren, als er sein Fahrzeug anhält und über den Anbruch einer neuen Ära in der Stadtgeschichte ins Schwärmen gerät.

Zwei Kilometer vor der Küste ragt eine gigantische Industrieanlage aus dem Meer. Vier riesige Gasometer, Destillationskolonnen und Kräne türmen sich über der See. Vor vier Jahren war Melkøya ein winziges Eiland mit zwei Bauernkaten und einer kleinen Hafenmole, es gehörte einer Familie von Fischern und Schafzüchtern. Dann kamen Baufahrzeuge, Raupenschlepper und 2500 Arbeiter aus aller Welt.

Die Hälfte der Insel wurde auf ebenerdiges Niveau abgesprengt, das Bruchgestein diente zur Verdoppelung ihrer Fläche. Jetzt wird hier die größte Gasverflüssigungsanlage Europas in Betrieb genommen. Im Fünf-Tage-Takt sollen einmal die Tanker anlegen und bis zu 145000 Kubikmeter Flüssiggas zum Transport nach Spanien, Frankreich und Nordamerika laden. Zur Verflüssigung muss das Gas auf minus 163 Grad Celsius abgekühlt werden, ein enorm energieaufwendiges Verfahren. Läuft die Anlage, werden fünf aus Turbinenhäusern ragende Abgasschlote pro Jahr 930000 Tonnen CO2 in den arktischen Himmel blasen.

Sverre Kojedal hat ein Faltblatt seines Arbeitgebers dabei. Es zeigt einen Amerikaner namens Tony White vor seinem mit US-Flagge geschmückten Kamin. Der Mann, heißt es in der Broschüre, werde »bald mit arktischem Gas ein gemütliches Ambiente in seinem Haus schaffen«. Aber für Norwegen geht es in Hammerfest um mehr, als Whites Landsleuten Gemütlichkeit ins Heim zu bringen. Die Ölreserven der Nordsee schwinden, das Land verliert seine Stellung als drittgrößter Ölexporteur der Welt. Die Zukunft liegt im Gas. Und das meiste Gas liegt im Norden.

Nach Melkøya gelangt man durch einen unter dem Meeresgrund gebohrten Tunnel. Auf dem höchsten Punkt des Inselchens zieht Kojedal die Handbremse seines Geländewagens an. Von hier aus kann man die gesamte Anlage überblicken. Pathos liegt in seiner Stimme, Entdeckerstolz: »Melkøya«, sagt Kojedal, »ist der strategisch erste Schritt zur Öffnung eines neuen Territoriums.«

Zwölf Mann reichen, um die gesamte Anlage zu bedienen

Dieser erste Schritt führt in die Barentssee. Das Fernziel ist das Polarmeer. Nach Schätzungen des amerikanischen US Geological Survey lagern in der Barentssee und unter den Eismeeren 24 Prozent der unerschlossenen Öl- und Gasreserven der Welt. Zwar sind die vor der russischen Küste verifizierten Vorkommen 20-mal größer als die norwegischen Reserven. Aber Norwegen hat Technologie, Erfahrung und hochspezialisierte Ingenieure. Ressourcenmangel soll durch technischen Vorsprung wettgemacht werden.