Die Bürger wurden selbstbewusst, Kant erklärte Religion zur Projektion, und selbst die Päpste waren tolerant, als Europa die Vernunft entdeckte. Aber wie kam um 1770 der berühmteste deutsche Kirchenkomponist mit der Aufklärung zurecht? »Ach, welch ein Trauerspiel!« lässt er den Tenor eindringlich rufen, der uns das Kreuz vor Augen führt. »Ihr Redlichen, was fühlt jetzt euer Herz?« Gottfried August Homilius, Organist der Dresdner Frauenkirche, blickt auf Passion und Publikum zugleich. Der Text geißelt den Voyeurismus aller Davongekommenen: »Am Kreuze quält er sich, dies sehn wir mit Vergnügen. Unmenschliches Gefühl!« Und noch ein »Ach…« Dem folgt eine furiose Arie, in der den Sündern keineswegs vergeben wird: »Verschone sie nicht!« Heiland in Trümmern – eine Christusfigur in der Ruine der Dresdner Frauenkirche, 1994 BILD

Mit dem Tod des Heilands kommt hier die Welt nicht zur Ruhe, und die Hörer werden auf sich selbst verwiesen. Homilius traf damit den Kreuzesnagel seiner Zeit offenbar auf den Kopf. Die Passionskantate Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld von 1775 war sein erfolgreichstes Werk, verbreitet bis nach Dänemark und ins Baltikum, bei Breitkopf in voller Partitur gedruckt, was bei Passionsmusiken unüblich war, zudem so oft handkopiert, dass über 70 Abschriften erhalten sind. »Er war ohne Widerrede unser größter Kirchenkomponist«, schrieb 1790 ein angesehener Lexikograf. Von Homilius’ Lehrer Johann Sebastian Bach war damals keine Rede mehr.

Doch heute, bei uns kommt Homilius’ Abschied vom Kontrapunkt leicht als Mangel an Tiefe an, seine demokratische Vereinfachung der Linienführung als süßlich, seine distanziert betrachtende Haltung als fehlendes Engagement. Die Ersteinspielung des Lämmlein mit den Basler Madrigalisten und der Düsseldorfer Hofkapelle kann da Abhilfe schaffen. In den Chören, von Fritz Naef entspannt dirigiert, entstehen sanft leuchtende moralische Bilder, aus denen man mit Rezitativen und Arien heftig ins Geschehen gerissen wird. Besonders der Tenor Markus Brutscher trifft einen existenziellen Ton und verbindet den Evangelisten mit dem Revolutionär.

In der Johannespassion, jüngst mit Beutekunst-Fragmenten rekonstruiert, kommt man schwerer aus Bachs Schatten heraus. Nicht nur, weil viele Texte mit dessen Passion identisch und uns in deren Duktus eingraviert sind. Roderich Kreile liefert mit Dresdner Kreuzchor und Barockorchester ein textgenaues, klanglich geschmeidiges Plädoyer. Doch ermüdet Homilius hier in den Rezitativen mit blasser Routine, in vielen Arien erstarrt der einfache Stil zum Stereotyp, der Schluss ist so ermattet, als sei der Glaube nur noch Erinnerung. Dem stehen immerhin griffige Turba-Chöre gegenüber und einige kleine Experimente – vom chromatischen Geigenschlenker bis zum erquickend durchgeknallten Gloria mit rasselnden Hörnern.

Aber nicht an diesem Werk sollte man Homilius messen, sondern an dem Genre, in dem er wirklich der Größte zwischen Bach und Mendelssohn ist: in seinen Motetten. Da legen sich mitunter Harmonieschichten modern übereinander und verwandeln Dissonanz in transparent glühende Farbigkeit, da bekommt der Chorklang einen Eigenwert hinter den Worten. In der maßstabsetzenden Interpretation des Stuttgarter Kammerchors unter Frieder Bernius hört man Seelenfarben. Mit seiner im Ansatz barocken, aber impressionistisch verfeinerten Textausdeutung unternahm der Dresdner hier eine Reise ins Innere, von der seine Zeitgenossen noch weit entfernt waren.