In einem Aufsatz Über Dichter und Gedichte sagt Peter von Matt, dieser ungermanistischste aller Germanisten: "Das Gedicht will schön sein. Das ist seine Peinlichkeit, sein Skandal." So ist die Schönheit auch der Skandal des größten lyrischen Genies des neueren Jazz. Seit Stan Getz für Woody Herman 1948 ein Solo über das neoimpressionistische Klanggemälde Early Autumn blies, kaum eine Minute Musik, war er der berühmteste aller jungen weißen kühlen Söhne des großen Swing-Melomanen Lester Young. Soul on ice, sozusagen, oder Glut unter Asche: kaum Vibrato, kaum dissonante Schocks oder bizarre Sprünge, vielmehr Melodielinien von so austarierter Schönheit, dass der kaum Einundzwanzigjährige als vollkommener Klassiker erschien. Fast beruhigend, bei so viel Schönheit, dass die in schrillem Gegensatz stand zur Persönlichkeit dieses puer senex . Er war Kettenraucher, Trinker, heroinsüchtig. Er spielte wie ein Engel und war für alle, die ihm nahestanden, die Hölle. Auch für ihn selbst. Seine Bühnenausstrahlung, sagte einer, war "die gedämpfte Imitation eines Piranhas".

Dass Getz zwischen 1962 und 1964 den Bossa nova, die Fusion von brasilianischer saudade und Jazz-Coolness, wenn nicht erfand, so doch zu höchster Popularität führte, war kein Zufall, aber auch kein kommerzielles Kalkül. Er klebte nicht an der Formel. Vielmehr blies er nach dem Intermezzo in seinem unvergleichlichen Tenorsound (mit der Zeit schärfte er die Ränder seines Tons) scheinbar straight ahead, in Wahrheit rhythmisch sehr komplexen Jazz, immer die denkbar besten Rhythmusgruppen im Rücken.

Von der Jazzkritik wurde Getz zeitweilig beargwöhnt wie alle Erfolgreichen. Dabei verschafften ihm seine Bossa-Hits nur die Freiheit, für den Rest des Lebens seine Musik zu spielen, auch wenn die gerade mal nicht im Trend lag. Getz gehört zu den Jazzmusikern, von denen es keine schlechte Aufnahme gibt. Unter allen guten sind die späten die besten: Live-Aufzeichnungen im Kopenhagener Club Montmartre (1987), mit Kenny Barron am Piano, Rufus Reid am Bass und Victor Lewis am Schlagzeug. Stan hat viel Biss, zumal in den schnellen Nummern, und verschlägt uns doch allemal den Atem mit der entrückten Schönheit seiner melodischen Erfindungen. Die Balladen sind vollends nicht mehr von dieser Welt – Getz’ mürb-eleganter Lyrismus, sein Ton, wie Sandpapier auf Seide. Wenige Wochen, bevor er an Lungenkrebs starb, spielte er, im selben Montmartre, eine Duo-Doppel-CD mit Kenny Barron ein. Sie ist ein letzter unsentimentaler Triumph der Schönheit. "Man kann auch zu viel Reue empfinden", sagte er, ein paar Tage vor seinem Tod im Juni 1991. "Worauf ich am stolzesten bin, ist, dass ich geworden bin, was ich immer hätte sein sollen: ein ehrenwerter Gentleman. So gut ich das sein kann. Ich komme schließlich aus der Bronx."

Stan Getz: Anniversary, Dynasty Emarcy 8387769/70-2
Stan Getz/Kenny Barron: People Time, Gitanes Jazz/Emarcy 510134-2