Diese verblüffenden Fakten, die nicht die geringste Ähnlichkeit mit den Verhältnissen in Deutschland, England, ja, den USA haben, sind nur die Spitze eines Eisbergs namens Präsidentschaft, dieser permanenten Demütigung aller demokratischen Regeln und dieses Inbegriffes einer vollkommenen, konstitutionell verankerten Undurchsichtigkeit der Machtverhältnisse.

Denn der Präsident ist nicht nur juristisch und politisch unangreifbar. Auch sein Haushalt ist jeder Kontrolle entzogen. Man spricht nicht über Geld, das ist vulgär (man spricht lieber über die sexuellen Abenteuer der Präsidenten, Geld ist zu intim). Das Budget des Élysées ist ein politischer Skandal, von dem man nur hinter vorgehaltener Hand redet, weil es an die Unterwäsche der Nation geht. Das englische Königshaus hat ein Budget, das jeder kennt, das des Élysees kennt keiner.

Am 20. November 2004 erschien in Le Monde ein Artikel über die "unkontrollierten Ausgaben des Élysées", worin wir erfuhren, dass sich in den zehn Jahren seit dem Amtsantritt von Jacques Chirac die Ausgaben seines Amtes vervielfacht hatten und jetzt 31,9 Millionen Euro betrugen. Der Präsident finanzierte von diesem Geld eine Schattenregierung, Spezialisten für Militärpolitik, für Außenpolitik, für Europapolitik, für Afrikapolitik (ein Augiasstall von militärischen Geheimverträgen mit Diktatoren), persönliche Referenten, Ghostwriter, Meisterköche, Gärtner, Kammerdiener, Gendarmen, Chauffeure, Berater in Sachen Kultur und in Sachen Öl. Die Zahl seiner Mitarbeiter wurde mit 714 angegeben, von denen 93 aus dem Kulturbudget, 54 aus dem der Wirtschaft, 463 aus dem des Verteidigungsministeriums bezahlt wurden, das auch die meisten Flüge regelt, sodass, zusammen mit diesen "unterirdischen Fonds", der wirkliche Haushalt auf mehr als das Doppelte des offiziellen, auf über 77 Millionen Euro, geschätzt wurde. Das sind nur Mutmaßungen, da "das völlig undurchdringliche Budget weder vom Parlament noch vom Rechnungshof kontrolliert wird" (Le Monde). Ja, 2002 hat das Verfassungsgericht betont, dass "die finanzielle Autonomie der Staatsorgane" dem "Prinzip der Gewaltenteilung" entspringe. Der Sumpf hat höchste Weihen.

Der Gipfel der Machtvollkommenheit des Präsidenten ist freilich seine juristische Immunität. In mehreren Prozessen, die auf Chiracs Amtszeit als Bürgermeister von Paris zurückgingen und, so der Staatsanwalt Henri Génin, ein "bandenmäßig organisiertes System der Korruption" im Pariser Rathaus aufdeckten, wurden Strafen gegen seine engsten Mitarbeiter verhängt, aber, so klagte der Staatsanwalt, "der Stuhl eines illustren Tatverdächtigen war leer geblieben". Und das viele Bargeld, mit dem Chirac damals seine Rechnungen beglich, woher kam es? Die Frage führte zu einem nationalen Skandal, als 2001 bekannt wurde, dass Jacques Chirac zwischen 1992 und 1995 über zwanzig Flugreisen für sich, seine Familie und seine Mitarbeiter im Wert von zweieinhalb Millionen Franc bezahlt hatte, und zwar cash. Häufig war es sein Chauffeur, der die Briefumschläge mit den 500-Franc-Scheinen zum Reisebüro brachte. Die Reisen führten ihn und sein Gefolge nach Japan, nach Mauritius und Syrien, einmal, in Begleitung seiner Tochter Claude und eines Leibwächters, für ein Wochenende nach New York: 119339 Franc in bar. Von welchem Geld? Ein Richter ging der Frage nach: Er wurde zurückgepfiffen. Da der Präsident weder angeklagt, noch als Zeuge verhört werden darf, betrachtet er das irdische Treiben mit olympischer Gelassenheit.

Sie hassen einander herzlich, die Präsidenten. Ob links oder rechts, spielt keine Rolle. Sie haben mit den Monarchen auch dies gemein, dass die schönsten Meuchelmorde in der eigenen Familie begangen werden. Schon de Gaulle bezeichnete seinen Nachfolger Georges Pompidou als "Renegaten", "Parvenü", "Usurpator", der nur nach seinem Posten trachte und den er allenfalls auf seinem Totenbett wieder empfangen werde. Als Pompidou an das Totenbett trat, hatte de Gaulles Familie den Sarg schon geschlossen. Drei Monate vor seinem Tod gestand Mitterrand Giscard d’Estaing, dass Jacques Chirac ihm 1980, mitten im Kampf um die Präsidentschaft, vorgeschlagen habe: "Wir müssen Giscard erledigen. Er ist eine Gefahr für Frankreich!" Doch der war schon vom Verrat seines Premiers informiert, er hatte seinerzeit zum Telefon gegriffen, das Wahlkampfbüro Chiracs angerufen, ein Taschentuch auf den Hörer gelegt und gefragt, für wen er am Sonntag stimmen solle. Die Antwort Chiracs: "Nicht für Giscard. Sie müssen Mitterrand wählen!"

Was lehrt uns diese haarsträubende Geschichte? Dass der Hass auf den Konkurrenten im eigenen Lager unversöhnlicher sein kann als der auf den "Klassenfeind". Es handelt sich um Erbstreitigkeiten im Clan, und diese werden immer mit großer Erbitterung geführt. Man kann nicht mit offenem Visier aus dem Weg räumen, man muss ins Gesicht lächeln und das Messer in den Rücken stoßen. Der Zwang zur Heimlichkeit vergrößert die Heimtücke.

Aber diese Szene aus den jüngst erschienenen Memoiren Giscard d’Estaings lehrt uns auch, dass wir sehr unvollständige Vorstellungen von den Umgangsformen in der Politik haben und dass unter dem farbigen A-Film mit seinen pathetischen Reden, ideologischen Beteuerungen und großen Versprechungen ein brutaler schwarz-weißer B-Film läuft, in dem der unstillbare Machthunger alle anderen Motive verschlingt und man mit Zähnen und Klauen arbeitet. Der Präsident ist, Giscard zufolge, ein "Boxer" (Pompidou), "ein Florettfechter, der blitzschnell zusticht" (Mitterrand), "ein professioneller Händeschüttler ohne jede Überzeugung" (Chirac). Und der adlige und gediegene d’Estaing, der wie ein Schmierendarsteller seine Stimme verstellt, ist er nicht aus ähnlichem Holz geschnitzt wie der "Bulldozer" Chirac, der dessen Vernichtung betreibt?

Der Kampf um die Präsidentschaft ist ein unerbittlicher Krieg von Rivalen, die einander aus dem Weg räumen, um nach oben zu kommen. Es gibt nur Feinde, und die "Freunde" sind die gefährlichsten. Chirac hat Giscard verraten? Na und? 1981 hintertrieb Mitterrand die Wahl seines Parteigenossen Lionel Jospin, der gedroht hatte, den Staat Mitterrands einer "Inventur" zu unterwerfen. Sogar der Schwager und der Neffe Mitterrands riefen zur Wahl Chiracs auf. Mit Erfolg. Und hätte Chirac auch nur die Spur einer Chance gehabt, seinem Ziehkind und Intimfeind Sarkozy, der ihn im Wahljahr 1995 für den Kandidaten Balladur verraten hatte, ein Bein zu stellen, er hätte sich das Vergnügen kaum versagt. Aber es war zu spät für den alten Gorilla. Seine Leibgarde war schon übergelaufen, als einer der Ersten sein ehemaliger Premierminister Alain Juppé, den er "den Besten von uns" genannt hatte. Verrat ist in der Politik kein Schimpfwort, es ist das Überlebensprinzip.