Das Erstaunliche ist, dass all diese Fakten dem Ruf der französischen Präsidenten nie wirklich geschadet haben. Alle Verfehlungen Mitterrands, die schamlosen Lügen über seinen Gesundheitszustand, die illegale Spionagezelle im Élysée, deren einziger Zweck es war, die Existenz seiner unehelichen Tochter zu verheimlichen, seine Freundschaft zu René Bousquet, dem Verantwortlichen für die Judendeportationen nach Auschwitz, all das hat seinen Ruf nicht zerstört. Auch dass Chirac in einer landesweit berühmten Fernsehsatire den Spitznamen "Superlügner" trug, dass ihn der namhafte Journalist Alain Duhamel den "gnadenlosesten Vernichter der französischen Politik" nannte, dass sein infamstes Bonmot lautet: "Ein Versprechen verpflichtet nur den, der daran glaubt!" – all das hat Chirac nicht erledigt, sondern nur die öffentliche Empörung verbraucht. Das ist der wahre Skandal, dass die Bevölkerung gegen alle Schurkereien, Intrigen, Wortbrüche ihrer Führer apathisch geworden ist. Im Gegenteil, eine gewisse Schlitzohrigkeit gehört für einen Präsidenten offenbar dazu, um als glaubwürdig zu gelten.

Das Kreuz der Kandidaten ist es, seit ihrer Jugend links oder rechts zu sein und als künftiger Präsident zugleich hoch über den Parteien stehen zu sollen. Die Unparteilichkeit des Präsidenten ist die im System der V. Republik unausrottbar eingebaute Lüge. Wie sollen Menschen, die ihr Leben lang eine extrem parteiliche Vorstellung von Politik hatten, einen solchen Spagat bewerkstelligen? Sie müssen taktieren, heucheln, mit gespaltener Zunge reden. Manchmal spielen sie Komödie und verbreiten die Illusion eines überparteilichen Bonapartismus. Oder sie wildern in den ideologischen Gefilden ihres Gegners.

Ségolène Royal begann, die Ikonen der nationalen Rechten, die Heilige Johanna und General de Gaulle, in ihre Reden einzuflechten, und Nicolas Sarkozy, dessen Trauzeugen der Milliardär Arnault und der Medienpapst Bouyges waren, zitierte im Januar auf einmal den Revolutionär Lafayette, den Arbeiterdichter Émile Zola und den Präsidenten der Volksfront, Léon Blum. Er habe sich geändert, sagte der Innenminister dem verblüfften Publikum und beklagte "das leidende Frankreich", aber nicht zu lange, denn im Februar ließ er am Place de la République 21 "Illegale" von der Armensuppe weg verhaften.

Sie hüpfen wie die Flöhe von links nach rechts, von unten nach oben, teilen Versprechungen nach allen Seiten aus und projektieren, je nachdem, Steuersenkungen oder Lohnerhöhungen. Aber am liebsten hüpfen die Flöhe nach oben und besingen Frankreich: "das leidende Frankreich", "das arbeitende Frankreich", "das bodenständige Frankreich", "das gemischtrassige Frankreich", "das einzigartige Frankreich". "La France": Superstar! Sie lieben Frankreich um die Wette und beteuern es. "Vive la France!", hatte einst de Gaulle trompetet. "Liebe es, oder verlasse es!", schmettert Sarkozy, mit den Schultern rollend, den Einwanderern entgegen. "Frankreich liebt alle seine Kinder", tönt Royal. "Frankreich ist eine Frau", philosophiert Villepin, "sie will genommen werden, es juckt in ihrem Becken." Der Populismus blüht! Und doch ist Frankreich keine Mutter, Geliebte oder Hure, sondern ein Land mit Millionen von höchst verschiedenen Menschen, jungen und alten, armen und reichen, feindseligen und hilfsbereiten. Das Zauberwort Frankreich soll das Wahlvolk zusammenschmieden und hinter dem Kandidaten versammeln. Es hat eine betäubende Wirkung, es kommt einem periodisch auftauchenden nationalen Harmoniebedürfnis entgegen, aber es lügt.

Zwischen der Linken und der Rechten herrscht immer noch Krieg. Sie wissen nicht mehr, warum, aber sie halten treu an ihrer Todfeindschaft fest. Die Wogen um die Hinrichtung von Ludwig XVI. haben sich geglättet, die russische Revolution und der Kalte Krieg sind Vergangenheit, seit Mitterrand gibt es keine Verstaatlichung und seit dem Sturz der Mauer keinen Kommunismus mehr, aber der Schatten der Guillotine ist immer noch präsent. Noch immer bebt die Französische Revolution nach, noch immer sind die Kindeskinder der Roten und der Schwarzen im letzten französischen Dorf miteinander verkracht. Und dieser zweihundertjährige Krieg der Gespenster spukt umso heftiger in den Köpfen, als sich die Lager in der Realität kaum noch unterscheiden.

Da beginnt es auf einmal, mitten im Wahlkampf 2007, an den Rändern der kämpfenden Parteien zu bröckeln, ein Mann aus der konservativen UDF namens François Bayrou drängt nach vorne, nennt sich einen "Zentristen" und versammelt jene Unzufriedenen der gemäßigten Rechten um sich, die den von Ehrgeiz zerfressenen, auf seinen zehn Zentimeter hohen Hacken der Größe entgegenstrebenden Karrieristen Sarkozy nun doch nicht haben wollen, wie auch die zahlreichen Machos der sozialistischen Partei, deren Testosteron rebelliert, weil eine Frau über sie herrschen soll. Und da es in der Mitte und links sehr eng wird und beim Einläuten der letzten Runde die großen strategischen Manöver beginnen, entweicht Sarkozy nach rechts außen, beschwört pathetisch das "ewige Frankreich", dem er als Sohn eines ungarischen Immigranten seit Kurzem angehört, und stellt dem französischen Volk, im Falle seiner Wahl, ein dem faschistischen Sprachgebrauch entlehntes "Ministerium für Immigration und nationale Identität" in Aussicht. Die Nation gleitet nach rechts.

Es gibt keine Linke mehr, selbst Ségolène Royal hat sich, um die Wahlen nicht zu verlieren, von der sozialistischen Partei distanziert. Aber, viel schlimmer, es gibt keine Visionen und keine Courage mehr. Sie betonen ihre Unterschiede, aber ähneln einander, die Kandidaten, in allem, was sie nicht sagen und nicht tun. Niemand von ihnen hat einen Plan gegen die Wohnungsmisere, gegen die notorische Überfüllung der Gefängnisse, gegen das völlige Fehlen von psychiatrischen Kliniken und erst recht keinen für die längst überfällige Auflösung der Ghettos. Alles schielt auf die Wähler, beugt sich ihren niedrigsten Instinkten, vor allem dem grassierenden, tief in die Gesellschaft einbetonierten Rassismus. Es gibt im stolzen "Land der Menschenrechte" keine Barmherzigkeit mehr, es gibt nur noch eine strenge, strafende Gesellschaft. Sarkozy will das Erwachsenenstrafrecht auf die 16-jährigen Wiederholungstäter ausdehnen, und die Offizierstochter Royal will sie unter militärischer Bewachung resozialisieren.

Zum allgemeinen Rechtsruck gesellt sich der alte Dünnpfiff: in der Außenpolitik nichts Neues. Alle Kandidaten beten denselben Rosenkranz herunter: für die Beibehaltung der französischen Atommacht, für eine staatliche Überwachung der europäischen Zentralbank, gegen eine klare Aussage zu Europa, da man die Neinsager, das Gros der Wähler, nicht verschrecken will. Anfangs wollten die Kandidaten den Staat verjüngen, inzwischen sehen sie ziemlich alt aus.