Doch ist es nicht ohnehin kindisch zu glauben, ein Mensch allein könne das Schicksal einer Nation wenden, sie wie eine fahrende Eisenbahn auf ein anderes Gleis setzen und in eine andere Richtung schicken? Nehmen wir den einzig tief greifenden Vorschlag Ségolène Royals zur Veränderung der Gesellschaft, die "Dezentralisierung Frankreichs". Sie müsste mit der Abschaffung des Präsidenten beginnen. Er zentralisiert und monopolisiert alle Macht des Staates. Er ist der unsterbliche zentrale Kopf der Hydra, es nützt nichts, die Nebenköpfe abzuschlagen. Es gibt nur eine Lösung: den Präsidenten beseitigen. Aber auch dafür brauchte man die Zustimmung des Präsidenten.

Indessen irrt Jacques Chirac, so wird erzählt, ein wenig verloren durch die Räume des Élysees, er dekoriert noch hier und da einen alten Bekannten, nominiert noch diesen und jenen Botschafter, der auf einer fernen Insel allmorgendlich die französische Flagge hissen wird, schanzt seinem letzten übrig gebliebenen Freund den Posten des obersten Verfassungsrichters zu, vergisst zuweilen, ob er letzte Woche mit Putin telefoniert hat oder nicht, kann seit seinem Schlaganfall nur noch große Buchstaben lesen, also kurze Ansprachen halten, und hat, wie es heißt, alle Illusionen über die Natur des Menschen verloren. Er hätte, um sie früher zu verlieren, sich genauer in einem Spiegel betrachten sollen.

Durch die Wände des um 1720 erbauten klassizistischen Palastes mit seinem paradiesischen Garten und den von Goldschmuck überbordenden Festsälen, den einst die Pompadour bewohnte, dringt kein Geräusch der Außenwelt – und schon gar nicht das Klagen und Grölen der Obdachlosen, die vor vier Monaten ein Zeltdorf am Canal Saint-Martin aufgeschlagen haben. Der Präsident hatte ihnen, auf der Welle des weihnachtlichen Mitleids reitend, in einer schönen Neujahrsrede zwar keine Wohnungen, aber ein einklagbares Recht aufs Wohnen geschenkt. Es wird im Massengrab aller folgenlosen Gesetze landen. Doch eine schöne Rede ist fast schon eine gute Tat. Und in Frankreich verachtet man die Parteien, aber verehrt den höchsten Mann im Staat.

Der Theaterregisseur und Essayist Benjamin Korn lebt in Paris. Er inszeniert an vielen großen europäischen Theatern und ist Träger des Brentano-Preises für Literatur.