In irgendeiner Krankenkassenzeitschrift war kürzlich ein missbilligender Aufsatz darüber zu lesen, dass im Kino und im Fernsehen immer noch viele Filme gezeigt würden, in denen geraucht wird. Rauchen ist tödlich, und wer einen Filmstar, sagen wir Humphrey Bogart, rauchen sieht, greift natürlich sofort selber zur Zigarette, woraus folgt, dass, wer Filme, in denen geraucht wird, öffentlich zeigt oder zugänglich macht, Beihilfe zu Mord und Selbstmord leistet. Oder so ähnlich. Jedenfalls hat die Süddeutsche Zeitung dieser Tage auf ihrer Literaturseite unverantwortlicherweise ein großes Foto des jungen Peter Hacks veröffentlicht, auf dem man Hacks rauchen sieht. Was nur daran erinnert, dass die Schriftsteller (und wahrscheinlich die Künstler generell) in Sachen "Körperpflege und Gesundheitsreinigung", wie Jürgen von Manger mal gesagt hat, nie sehr vorbildlich gewesen sind. Wo immer ein Häuflein der letzten Raucher und der letzten Trinker angetroffen wird, kann man sicher sein, dass ein Dichter darunter ist, und jeder auch nur halbwegs belesene Leser weiß, dass die Weltliteratur voll ist von wenig vorbildlichen Menschen, von Mördern und Gangstern, und leider auch von Rauchern und Trinkern.

Die entscheidende Frage in diesem traurigen Zusammenhang lautet, ob der in einem Roman geschilderte Mord (um bei der Literatur zu bleiben) im Leser den Wunsch erregt, selber zu morden, oder in ihm hinreichende Abscheu vor solcher Untat erzeugt. Der Roman Unter dem Vulkan (1947) von Malcolm Lowry zum Beispiel schildert den Alkoholismus seines Helden, den körperlichen Niedergang und die mentale Zerrüttung derart eindringlich, die Seiten dieses Buches sind gewissermaßen derart von Alkohol getränkt, dass der Leser vermutlich lange zögern wird, ehe er zum nächsten Glas greift.

Dass die Literatur unserer hinfälligen Moral Stab und Stecken sein kann oder gar soll, ist eine alte Hoffnung. Karl Philipp Moritz erzählt, dass der junge Anton Reiser zu Hause keine Romane lesen durfte, sondern nur Heiligenlegenden und andere fromme Bücher mit vorbildlichen Helden. Was immerhin zu dem Ergebnis dieses großen Romans geführt hat. Vor Jahren wurde ruchbar, dass die französische Ausgabe von Pippi Langstrumpf heimlich um jene Passagen gekürzt war, in denen sich Pippi sehr respektlos gegen eine Lehrerin verhält. Und wer die unzensierte Ausgabe von Tom Sawyer gelesen hat, wird sich daran erinnern, wie die Jungs aus Maiskolben rauchen. Kurz: Die Literatur lässt uns in einen Abgrund an Gesundheitsverrat blicken, und man kann nur hoffen, dass sich die Mitsprache der Krankenkassen bei der Kanonfrage im Rahmen hält.

Jürgen von Manger übrigens, um ihn ein letztes Mal zu zitieren, hat treffend bemerkt: "Gesundheit und Krankheit ham eins gemeinsam: Is beides viel Einbildung." So wie die Literatur. Ulrich Greiner

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