Spaziergangsforschung? Was soll das sein?

Bei der Spaziergangsforschung oder Promenadologie geht es um die Systematik, wie man zu einem Bild von einer Stadt oder einer Landschaft kommt. Beim Spazierengehen erschaffe ich mein Bild von der Welt. Ich trete vor die Tür, gehe meinen Weg, und an verschiedenen Stellen gibt es Stationen besonderer Aufmerksamkeit. Im Nachhinein entsteht so ein Gesamtbild der Stadt oder der Landschaft, das sich enorm von dem unterscheidet, was Bücher oder andere Medien beschreiben oder was man aus Erzählungen kennt. Wenn ich mit dem Auto über die Autobahn presche oder mit dem Bus fahre oder wandere, habe ich jedes Mal eine ganz spezifische Erfahrung vom Raum, eine entsprechende Abstraktion. Bertram Weißhaar BILD

Ist Promenadologie eine Wissenschaft, die man studieren kann?

Sie springt. Sie ist mal in der Kunst, mal in der Wissenschaft zu Hause, insbesondere in der Landschaftsplanung. Im vergangenen Semester gab es in Kassel ein Seminar »Spaziergangswissenschaft«; ich selbst biete an der Universität Leipzig Seminare zur Stadtwahrnehmung an.

Was passiert in solchen Seminaren?

Bei Lucius Burckhardt, der die Spaziergangswissenschaft vor zwanzig Jahren in Kassel entwickelt hat, habe ich Anfang der neunziger Jahre studiert. Eines Tages ist das ganze Seminar auf die Straße gezogen, mit Stühlen und Tischen, und wir haben zwei Parkplätze am Straßenrand okkupiert. Obwohl wir die Parkgebühr entrichtet hatten, wurden wir von aufgebrachten Autofahrern angehupt, uns wurde der Vogel gezeigt, und nach zehn Minuten war die Polizei da. Eine kleine Intervention, die auf das unsichtbare Design der Stadt verweist.