DIE ZEIT: Ihr Roman, der in Israel zum Bestseller wurde, handelt vor allem von Frauen. Alle haben ein schwieriges Verhältnis zu ihrer Mutter. An der "jiddischen Mamme" bleibt kein gutes Haar.

Avirama Golan: Ihre Fähigkeit, zu lieben, geht gegen null: wegen ihrer Existenzangst und weil die Welt, aus der sie kommt, so wenig tragfähig ist.

ZEIT: Genia ist der Archetypus der leidenen Mutter, die ihre Opferrolle nie verlässt. Ist daran der Holocaust mit schuld?

Golan: Nein, in meinem Buch kommt der Holocaust ganz bewusst nicht vor. Genia kam bereits 1937 aus der Ukraine ins damalige Palästina. Man kann nicht sagen, dass sie eine Holocaust-Überlebende ist.

ZEIT: Aber sie ist von Sehnsucht zerfressen.

Golan: Die Nostalgie ist in erster Linie Teil der Persönlichkeit. Jemand, dem es nirgendwo gefällt und dem es nirgendwo gut geht, wird immer die Vergangenheit rosa malen. Aber hinter dieser Nostalgie verbirgt sich durchaus eine echte Sehnsucht nach dem Alten Kontinent. Wir sind in Israel mit Eltern aufgewachsen, die aus dem europäischen Kontext herausgerissen wurden.

ZEIT: Ihre Eltern stammten aus Galizien.

Golan: Mein Vater war aus Überzeugung ins damalige Palästina eingewandert – und meine Mutter kam mit ihm. Trotz seiner Ideologie ist er hier aber nie wirklich angekommen. Jedes Mal, wenn er mit seinem europäischen Hut auf dem Kopf zum Flughafen fuhr, sah ich, wie er zu dem Mann wurde, der er eigentlich war.

ZEIT: Die Väterfiguren in Ihrem Roman erregen Mitgefühl. Die Mütter nicht.

Golan: Die Frau spielt in der jüdischen Kultur eine immense Rolle. Sie gilt als die wahre Stütze des Hauses; wenn der Mann eine gute Frau hat, ist er ein guter Mann. Wenn er eine schlechte Frau hat, dann ist er schlecht. Das nenne ich dämonisch. Vielleicht gerade deshalb haben die Rabbiner die Frauen immer wieder geschwächt. Zugleich aber haben sie ihnen Kräfte zugeschrieben, die nahezu allmächtig sind.