ZEIT: Dafür konnten sie aber nichts.

Golan: Die Frauen sind in diese Rolle hineingeraten. Meine Großmutter aus der Ukraine führte eine Getreidefabrik, ihr Mann lernte Thora. Sie hat die Familie ernährt und die Kinder großgezogen. Der Mann lebte nicht in der realen Welt, deshalb war er auch sehr schwach.

ZEIT: Was heißt das für die Kinder?

Golan: Sie nehmen im Leben ihrer Mutter einen zentralen Platz ein. Sie wird alles tun, damit sie reüssieren. Ihr Ehrgeiz kennt keine Grenzen. Es hat mich immer amüsiert, dass die Jüdin in der europäischen Literatur als mysteriöse, attraktive Frau auftauchte. Denn sie ist traditionell immer zuerst Mutter gewesen, und wenn sie einmal Mutter ist, hat sie gar keine Legitimität mehr, Frau zu sein.

ZEIT: In Israel gab es noch einen anderen Frauentyp, den genauen Gegenentwurf. In Ihrem Roman wird er von Sarke verkörpert, der Ideologin im Kibbuz.

Golan: Die sozialistische Kibbuz-Bewegung wollte die traditionelle Verbindung auflösen, die die Eltern mit ihren Kindern verband. Es gab kein "ich" mehr, sondern nur noch "wir". Das galt fürs Eigentum und den eigenen Nachwuchs. Man hatte geglaubt, dass diese jüdische Neurose, die die Mutter zu einer Art Dämonin und Opfer macht und den Vater zum weltfremdem thora-lernenden Intellektuellen, verschwinden würde, wenn die Kinder nicht mehr mit den Eltern aufwüchsen. Die Kinder sollten nicht mehr im Zentrum stehen.

ZEIT: Deshalb gab es das Kinderhaus, wo die Kinder ohne Eltern schlafen mussten.

Golan: Wenn die Kinder nachts weinten, ließ die Kinderfrau sie weinen. Manche sind deshalb verrückt geworden.

ZEIT: Das ist heute Vergangenheit. In den wenigen funktionierenden Kibbuzim gibt es keine Kinderhäuser mehr. Fast alle israelischen Frauen schaffen den Spagat von Familie und Beruf.

Golan: Das täuscht. Die Gesellschaft spricht zwei verschiedene Sprachen. In einer ist von völliger Gleichberechtigung die Rede. Und es gibt tatsächlich Frauen, die es ganz ohne Förderungsprogramme weit nach oben gebracht haben. In der Regierung, in den Banken und vor allem im Hightechbereich. Zugleich aber bleibt die Institution Familie das Wichtigste. Und man beurteilt eine Frau immer noch nach ihrer Fähigkeit, Kinder in die Welt zu setzen. Es gibt fast keine Frauen, die keine Kinder haben. Über die wenigen, die es gibt, schreibt man in der Zeitung.