Bis um 9.10 Uhr verläuft alles wie ein Routineboarding. Die britischen Matrosen haben ein kleines Frachtboot im Schatt al-Arab überprüft und an die nahebei liegende Fregatte HMS Cornwall gemeldet, alles sei unverdächtig. Doch als sie zurück in ihre Schlauchboote steigen, sehen sie sich umringt von sechs iranischen Booten mit schwer bewaffneten Crews. Wenig später bricht die Verbindung zur Cornwall ab. Von deren Heck steigt nun ein Helikopter auf; die Patrouille, meldet er an die Brücke, werde von Marineeinheiten der Iranischen Islamischen Republikanischen Garde eskortiert.

Warum griff die HMS Cornwall in diesem Moment nicht ein? Dafür gibt es zunächst eine ganz praktische Antwort: Die Matrosen wurden in seichtem Gewässer überwältigt. Die Cornwall wäre mit ihrem Tiefgang nicht dorthin gelangt. Viel wichtiger aber ist, dass das britische Militär in der Region nach der Maxime der Deeskalation verfährt. "Wir wollen hier keine Kriege anfangen", erklärt der ehemalige Oberbefehlshaber der britischen Marine Alan West. "Anstatt alles, was in Sichtweite ist, zu versenken, versuchen wir uns zurückzuhalten. Das ist der Grund dafür, warum unsere Jungs so ohne Weiteres gefangen genommen werden konnten."

Deutschen Marinesoldaten könnte es in einer vergleichbaren Lage ganz ähnlich ergehen, ist aus dem Bundesverteidigungsministerium zu erfahren. Vorm Libanon und vorm Horn von Afrika kreuzen ein Dutzend deutsche Schiffe, um Waffenschmuggler aufzuspüren. Politische Piraterie ist da nicht ausgeschlossen. Grundsätzlich dürfen die Soldaten "erweiterte Selbstverteidigung" üben, das heißt auf Angreifer schießen. Allerdings sei die Reaktion stets Ermessenssache des Kommandanten, heißt es aus dem Ministerium. In seine Abwägung am Ort des Geschehens könne er durchaus diplomatische Kollateralschäden einbeziehen. Auch deutsche Soldaten könnten also unter den Augen des Mutterschiffs verschleppt werden? Antwort aus Berlin: "Ja, möglicherweise", und die Gegenfrage: Was wäre denn geschehen, wenn die Cornwall gefeuert hätte? Für die Briten und für Großbritannien mag es klüger gewesen sein, die Ruhe zu wahren – und noch sein. "Eine militärische Option zur Lösung der Krise wurde bisher nicht besprochen", erklärte ein Beamter des Außenministeriums gegenüber der ZEIT. "Wir setzen auf Dialog und internationalen Druck." Jochen Bittner, John F. Jungclaussen

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