Inzwischen kann ich von einer Langzeitbeobachtung sprechen. Sie geht, wie die meisten uns treuen Konflikte, auf ein Kindheitserlebnis zurück. Tausende anderer Mädchen, die in den sechziger und siebziger Jahren viele Stunden des Tages dem Gelingen der Schönheit widmeten, dabei ein Übermaß an Sommersprossen als Hindernis erkannten und dieses mit einer Schwanenweiß genannten Creme bekämpften, dürften eine ähnliche Erfahrung gemacht haben. Mich hat sie eben frühzeitig für den rhetorischen Terror der Kosmetikbranche sensibilisiert.

Es war Sommer, ich nahm mein Taschengeld, ging in die Kleinstadtdrogerie und kaufte Schwanenweiß. Die Verkäuferin wirkte – zunächst – so nett wie sämtliche Vertreterinnen ihres Berufsstandes, die noch kommen sollten. "Also, wenn du mich fragst", sagte sie, "ich finde die Sommersprossen bei dir richtig süß." Ich zahlte, drei Mark und siebzig Pfennig. "Du musst die Creme aber sehr dick auftragen." Ich nickte. "Immer, wenn du in der Sonne bist. Aber pass auf, dass die Nase nicht noch dicker wird vor lauter Creme." Ich habe damals die Gelegenheit verpasst, dem sadistischen Miststück die Meinung zu geigen. Ich sagte nicht: Was fällt Ihnen ein? Ich habe Sie nicht nach meiner Nase, sondern nach einer Creme gefragt, ich bin eine empfindsame Zehnjährige, suchen Sie sich für Ihre subtextuellen Bosheiten jemand anders aus! Stattdessen schlich ich aus der Drogerie und schielte in der Fensterscheibe der benachbarten Metzgerei nach meiner Nase.

Richtig bewusst wurde mir die hinter Tiegeln und Flakons lauernde Heimtücke aber erst mit etwa 30 Jahren. In etwas verrutschter Verfassung suchte ich eine Parfümerie auf, um ein Pflegeprodukt zu erwerben, von dem ich – ein Kardinalfehler! – nicht genau wusste, was es eigentlich sein sollte. Also Beratung. Trockene Haut oder nichttrockene? Für den Tag oder für die Nacht? Ein normales Gespräch mit einer unverdächtigen Kosmetikverkäuferin. Ich entschied mich für eine Tagescreme, wir gingen zur Kasse, ich bezahlte und wandte mich dem Ausgang zu. "Wissen Sie", kam es plötzlich hinter der Theke hervor, "Ihnen würde eine Behandlung vielleicht mal guttun." Ich hätte auf der Stelle flüchten sollen. Aber das Wort Behandlung nagelte mich fest. Warum, wieso? Was war denn los? Und dann kam der Satz: "Sie könnten viel mehr aus sich machen." Wem dieser Satz nicht ins Tiefgeschoss der Seele fährt, hat eine solche nicht. Der Satz stimmte. Er brachte mein Leben auf den Punkt. Ich war, was man euphemistisch Langzeitstudent nennt. Ich gehörte auch im Kreuzberger Häuserkampf zu den Nieten, die immer nur danebenstanden. Und diese Parfümerieschnepfe hatte das alles schlagartig erkannt.

Ich musste 30 werden, bis mir die erste schlagfertige Antwort gelang

Ich wiederum erkannte nun immer schärfer die linguistische und diskursive Diabolik der Branche und ihren Zweck. Nach Sätzen wie "Ich würde Ihnen einen Apfelduft vorschlagen. Wie Sie aussehen, kommen Sie doch vom Land, oder?" rückt eine demontierte Konsumentin Geld für ein Parfüm raus, das sie zehn Minuten vorher überhaupt nicht kaufen wollte. Mal beharrte eine Verkaufsschlange darauf, meine rechte Wange unter der Lupe zu studieren, und flüsterte, als sie ein winziges Äderchen entdeckte, mit verschwörerischer Stimme: "Sie werden schnell rot, gell?" Ich wurde es und kaufte Kompressen zum Kühlen. Mal wurde die angebliche Großflächigkeit meines Gesichts bejubelt. "Mit so einem Gesicht", schrie die Verkäuferin, "kann man richtig was machen! So ein Gesicht kommt doch dem Gegenüber, wenn ich das so sagen darf, richtig voll entgegen! Glauben Sie mir, das ist viel wichtiger als perfekte Schönheit!" Aha. "Sie müssen nur aufpassen, dass Sie, wenn ich das so sagen darf, dass Sie nicht übertreiben, dass Sie nicht zu viel mit der Mimik arbeiten. Ich kenne das, ich hab eine Freundin, und ihre Eltern stammen aus Russland, die hat das gleiche Problem." Oder: "Das ist ein ganz spezielles Gel. Für Ihre schöne empfindliche Haut genau das Richtige. Sie legen es unter Ihr normales Tages-Make-up. Also erst Gel, dann Make-up. Das hat einen stringierenden Drainageeffekt. Das ist genau das Richtige für Sie, damit Sie nicht so furchtbar müde aussehen, wenn Sie abends mal ausgehen."

Ich vermute, dass Kosmetikverkäuferinnen in der Anwendung rhetorischer Zuckerbrot-und-Peitsche-Methoden und zwielichtiger Metaphern regelrecht geschult werden. "Vom Typ her sind Sie ein Blender", sagte eines Tages eine regelrecht wissenschaftlich agierende Dame. Nun muss man wissen, dass es sich bei einem "Blender" um jenes dermatologische Phänomen handelt, bei dem die Haut nur deshalb frisch und glatt aussieht, weil gewisse Pölsterchen die Faltenbildung bremsen. Ich dachte nicht an meine Haut, ich dachte an Finnegans Wake von James Joyce und an die Seite dieses Meisterwerks der Weltliteratur, auf der meine Lektüre kapituliert hatte.