Zur sexuellen Revolution und zu ihren Folgen für den Verbraucher nur kurz dieses. Im Antiquariat der Leipziger Buchmesse wurden, erwartungsgemäß, zahlreiche alte Bücher verkauft. Inmitten der schweinsledernen Preziosen, Trouvaillen und Petitessen aus dem 17. bis 19. Jahrhundert fiel ein abgegriffenes Taschenbuch relativ neuer Bauart auf, welches in diese Umgebung nicht hineinpasste. Es handelte sich um Das Sex-Buch . Das Sex-Buch des Sexexperten Günter Amendt kam in den späten siebziger Jahren heraus, es war eine damals extrem freizügige Aufklärungsschrift für Jugendliche und gehörte, gemeinsam mit Amendts ähnlich ausgerichtetem Buch Sexfront , zur Standardausrüstung fortschrittlich denkender BRD-Haushalte. Aus Neugierde schaute ich nach dem Preis. Er belief sich auf 280 Euro. Ich dachte, ich spinne.

Der Antiquar näherte sich. Er sagte: "Dieses Exemplar hat Günter Amendt der Feministin Alice Schwarzer gewidmet, und sie hat es mit, ähem, privaten Anmerkungen versehen." Tatsächlich stand auf Seite eins, mit Kugelschreiber: "Für Alice. Ich bin sehr gespannt, was Du zu diesem Buch sagst, ehrlich…!" Wirklich war das Sex-Buch verschwenderisch mit Anmerkungen ausgestattet, zum Beispiel: "A. betrachtet Sex ziemlich technisch." Meistens aber hatte die Leserin die ausschweifenden Orgasmustheorien von Amendt am Seitenrand entweder mit dem knappen Wort "Gut!" oder mit "Stuß!" gekennzeichnet, beides etwa im Verhältnis halbe-halbe. Hin und wieder nur tauchte die Formulierung "Sehr gut!" auf, ebenso sparsam scheint die prominente Frauenrechtlerin mit der Formulierung "Totaler Stuß!" umzugehen. Ich sagte: "Da wird Günter aber sauer sein, dass Alice sein Sex-Buch weggegeben hat." Der Antiquar antwortete: "Nach 30 Jahren? Is doch normal." Kurz dachte ich daran, das Buch zu kaufen, womöglich als Dauerleihgabe für das Sexmuseum am Bahnhof Zoo. Andererseits hätte die Buchbesitzerin auch eine andere Alice sein können, etwa die Tänzerin Alice Kessler. Ich dachte, dass dies eine Geldvermehrungsmethode der Leipziger Antiquare sein könnte. Wie leicht könnte auch ich eines meiner Werke mit der Widmung "Für Angela" versehen, dann schreibe ich an den Rand "M. betrachtet Kolumnen ziemlich technisch" und lasse das Ganze, völlig legal, für 280 Euro im Antiquariat feilbieten.

Im Hotel wollte ich, um das Thema zu wechseln, den Fernseher einschalten. Es war ein extrem edles Hotel. Neben dem Fernseher wies ein geschmackvolles Pappschild darauf hin, dass auf Kanal 13 gegen Bezahlung "hochwertige Vollerotik" zu sehen sei. Ich fand es rührend, das brave Heizdeckenverkäuferwort "hochwertig", 30 Jahre nach dem Sex-Buch, in solchen Zusammenhängen verwendet zu sehen und dass sich die Hotelleute die kulturelle Mühe gegeben hatten, "Hardcore" ins Deutsche zu übertragen. Sprachkolumnenschreiber und Anglizismengeißler, reist nach Leipzig, schaut euch im Hotel hochwertige deutsche Vollerotik an. Wenn die Darsteller den Höhepunkt erreichen, rufen sie wahrscheinlich: "Blüh im Glanze dieses Glückes!"

Lebenszeichen 2007: Harald Martenstein denkt über den aktuellen Zustand nach - chronologisch archiviert "