Wer spricht heute noch von jenem baden-württembergischen Innenminister, der 1966 als Nachfolger von Kurt Georg Kiesinger zum Ministerpräsidenten des Südweststaates gewählt worden war? Dem es sechs Jahre später gelang, für die CDU bei einer Landtagswahl dort erstmals eine absolute Mehrheit zu erringen, und der weitere vier Jahre später diesen Erfolg mit 56,7 Prozent uneingeholt überbot? Schulreform, Verwaltungsreform?

Nein, die Erinnerung an Hans Karl Filbinger ist vielmehr besetzt durch seinen jähen Sturz und seine monumentale Unfähigkeit zu trauern – über Deutschlands Geschichte, auch über wesentliche Stationen seines in sie verflochtenen Lebensweges.

Im Vorabdruck aus einem Roman Rolf Hochhuths stand 1978 in der ZEIT zu lesen, Filbinger sei ein "furchtbarer Jurist"; dieser Vorwurf bezog sich ursprünglich allein darauf, dass Filbinger noch nach der Kapitulation des Hitlerreiches in einem Gefangenenlager drakonische Urteile wegen Verletzung der "Manneszucht" verhängt hatte: Ein Soldat hatte die NS-Insignien von seiner Uniform entfernt.

Erst in dem Rechtsstreit, den Filbinger trotz aller diskreten Ratschläge aus der Stuttgarter bürgerlichen Gesellschaft (wohl auch auf Drängen seiner Frau) starrköpfig anzettelte, kam dann seine wohlbeschwiegene Tätigkeit als Marinerichter zutage. Und selbst die hätte ihn nicht das Amt gekostet, hätte er nicht aus einer Mischung aus unheilbar schlechtem Gedächtnis und unheilbar gutem Gewissen darauf bestanden, was damals Recht gewesen sei, könne heute nicht Unrecht sein.

Letztlich stürzte ihn seine eigene Landespartei – später versuchte sie aus einer Mischung aus schlechtem Gedächtnis und schlechtem Gewissen ihren Frieden mit ihrem einstigen Vormann zu schließen. Aber er wollte unbedingt recht haben, nicht bloß Frieden. Ob er ihn nun, da er mit 94 Jahren gestorben ist, gefunden hat?

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