Seit den späten sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts war das Genre der Biografie unter deutschen Zunfthistorikern in Verruf. Es galt als hoffnungslos antiquierte Form einer personalisierenden Geschichtsbetrachtung, als letzte Bastion des deutschen Historismus. Das Feld beherrschten die Sozial- und Strukturhistoriker; die »historische Sozialwissenschaft« Bielefelder Observanz feierte Triumphe. BILD

Doch seit zweieinhalb Jahrzehnten – angefangen mit Lothar Galls großem Bismarck-Buch von 1980 – hat die Biografie eine erstaunliche Renaissance erlebt. Das viel zitierte Unbehagen ist längst einem neuen Interesse, ja einer wahren Passion gewichen. Die Biografie, bemerkte Ulrich Raulff vor zehn Jahren, »ist zur tragenden Säule des Buchmarkts geworden; sie unterwandert die Literatur und resümiert das Beste, was die Sachbücher zu bieten haben. Es ist, als ob das Publikum von einem maßlosen Hunger nach geschriebenem Leben befallen sei, einer Art literarischem Kannibalismus.« Und dieser Heißhunger hat seitdem nicht nachgelassen. Im Gegenteil: Man muss nur einmal einen Blick in die Verlagsprospekte dieses Frühjahrs werfen, um zu erkennen, welch unverminderter Beliebtheit sich die Gattung erfreut. Bei C. H. Beck erscheint eine Biografie über den Widerstandskämpfer Helmuth James von Moltke (von Günter Brakelmann), bei Propyläen eine über den Freiherrn Adolph Knigge (von Ingo Hermann); bei Hanser stellt Ulrich Sieg einen Wegbereiter des Antisemitismus, Paul de Lagarde, vor; bei S. Fischer erzählen Götz Aly und Michael Sontheimer das Leben des jüdischen Kondomfabrikanten Julius Fromm; und bei Wallstein präsentiert Martin Dehli ein kritisches Porträt des Sozialpsychologen Alexander Mitscherlich – um nur einige wenige Titel zu nennen. Es ist keine Übertreibung, zu sagen, dass Biografien den Markt der historischen Literatur mittlerweile klar dominieren (wobei hier ausdrücklich nicht jene Ramschbücher über lebende Politiker, Schriftsteller oder Schauspieler gemeint sind, deren Informationswert immer geringer und deren Verfallszeit immer kürzer wird).

Über die Gründe für die anhaltende Attraktivität ließen sich gewiss viele interessante Spekulationen anstellen. Zwei Bemerkungen sollen hier genügen. Zum einen zeigt sich darin der Überdruss an einer Geschichtsschreibung, die über der scharfen Analyse von Strukturen und Prozessen die Menschen als Subjekte ihrer Geschichte ganz aus dem Blick verlor. Zum anderen hat das Verlangen nach biografischer Literatur wohl auch etwas mit den gesellschaftlichen und politischen Umbrüchen vor und nach der Jahrhundertwende zu tun.

In seinen Betrachtungen über die Biografie als Kunstform aus dem Jahre 1948 schrieb der Niederländer Jan Romein: »Immer dann, wenn der Mensch zu zweifeln beginnt, d. h. wenn alte Werte wanken, neue aber erst noch gebildet werden müssen, ist die Regsamkeit im biographischen Bereich besonders groß.« Das scheint auch auf die heutige Situation zuzutreffen. Das Bedürfnis nach Orientierung, nach Vorbildern und Leitfiguren wächst offenbar in dem Maße, wie das Vertrauen in die alten Institutionen, die über viele Jahrzehnte Stabilität verbürgten, brüchig geworden ist. Die neue Regsamkeit auf dem Felde der biografischen Literatur kommt diesem Bedürfnis entgegen.

Unabhängig von den Konjunkturen des historischen Interesses, in denen sich immer auch wandelnde Bedürfnisse des Publikums spiegeln, darf man wohl feststellen: Die Biografie zählt – neben der großen Epochendarstellung – zu den Königsdisziplinen der Geschichtswissenschaft. Man muss das nicht ideologisch überfrachten – etwa im Sinne des Geschichtsphilosophen Wilhelm Dilthey, der einmal gemeint hat, alle Geschichte strebe letztlich zur Biografie, »in der das Historische rein und ganz zur Darstellung« gelange. Aber richtig ist zweifellos, was Jacques Le Goff in der Einleitung zu seinem Buch über Ludwig den Heiligen hervorgehoben hat – dass nämlich jede Biografie »den Historiker auf besonders scharfe und komplexe Weise mit den wesentlichen – aber klassischen – Problemen seines Berufs« konfrontiere.

Jeder Historiker, der etwas auf sich hält, sollte also wenigstens einmal im Laufe seines langen Gelehrtendaseins diese Herausforderung annehmen und sich an einer Biografie versuchen. Allerdings: Eine Biografie zu schreiben ist keineswegs eine einfache, sondern eine sehr anspruchsvolle Aufgabe, vielleicht sogar die schwerste aller Übungen. Die Gefahr des Misslingens ist hier besonders groß. Was aber macht überhaupt eine gelungene historische Biografie aus? Hierzu im Folgenden einige thesenartig zugespitzte Überlegungen.

I. Eine Biografie kann nur dann geglückt genannt werden, wenn es ihr gelingt, Entwicklung, Denken und Handeln einer historischen Person oder einer Gruppe von Personen in Beziehung zu setzen zu den bewegenden Kräften und Tendenzen ihrer Zeit. Goethe hat im Vorwort zu Dichtung und Wahrheit als »Hauptaufgabe der Biographie« bezeichnet, »den Menschen in seinen Zeitverhältnissen darzustellen und zu zeigen, inwiefern ihm das Ganze widersteht, inwiefern es ihn begünstigt, wie er sich eine Welt- und Menschenansicht daraus gebildet und wie er sie, wenn er Künstler, Dichter, Schriftsteller ist, wieder nach außen abspiegelt«. Die Geschichte des jüdischen Kondonfabrikanten Julius Fromm von Götz Aly und Michael Sontheimer BILD

Was für Künstler und Schriftsteller gilt, trifft aber ebenso auch für Politiker oder Gelehrte zu: Es kommt auf die Wechselwirkung an zwischen dem Individuum und den überindividuellen Strukturen und Prozessen. Hagen Schulze hat bereits 1978, als allenthalben von der »Krise der Biografie« die Rede war, vor der »sowohl wissenschaftstheoretisch wie wissenschaftspolitisch schädlichen Frontstellung« zwischen Personengeschichte auf der einen und Sozial- und Strukturgeschichte auf der anderen Seite gewarnt. Tatsächlich existiere die grobe Alternative »Individuum« versus »Gesellschaft« oder »Struktur« gar nicht. Vielmehr müsse jede Biografie – gleich ob es sich um eine herausragende historische Figur oder um eine eher durchschnittliche Person handelt – das interdependente Verhältnis herausarbeiten.

Hier liegt, um ein Beispiel zu nennen, die große Leistung von Ian Kershaws zweibändiger Hitler-Biografie. Denn als Erster unter den Hitler-Forschern wagte der britische Historiker den Versuch, personale und strukturelle Elemente zu verbinden und damit den vermeintlichen Gegensatz zwischen biografischer und sozialgeschichtlicher Betrachtung aufzuheben. In Max Webers Begriff der »charismatischen Herrschaft« fand Kershaw den Ansatzpunkt, um diesen Brückenschlag zu vollziehen. Der Gewinn war beträchtlich: Noch nie zuvor ist das Wechselspiel zwischen dem Diktator und der Gesellschaft, die ihn ermöglichte und ihm später bei allen seinen Vorhaben, auch den verbrecherischen, willig zuarbeitete, so überzeugend dargestellt worden. Freilich stößt das Konzept dort auf Grenzen, wo irrationale Momente ins Spiel kommen, etwa wenn es um die Psyche des Diktators und seinen wahnhaften Antisemitismus geht. Es lässt sich eben individuelles Handeln nicht allein aus den gesellschaftlichen Bedingungen ableiten, sosehr diese als bedingende Faktoren mitbedacht sein wollen.

II. Gelingen kann eine historisch-wissenschaftliche Biografie daher zweitens nur, wenn sie sich gegen psychoanalytische Theorien und Einsichten nicht ignorant verhält. Sie stellen, methodisch umsichtig gehandhabt, das unentbehrliche Rüstzeug für die Ergründung von psychischen Dispositionen, von Charaktereigentümlichkeiten und Handlungsmotivationen zur Verfügung. Freilich liegt die Betonung auf »methodisch umsichtig gehandhabt«. Jeder kennt abschreckende Beispiele für eine grobschlächtige Anwendung freudianischer Theoreme, nicht nur in den Biografien angelsächsischer Historiker.

Gegenüber einem seiner Vertrauten, Robert von Keudell, hat Otto von Bismarck einmal bekannt: »Faust klagt über die zwei Seelen in seiner Brust; ich beherberge aber eine ganze Menge, die sich zanken. Es geht da zu wie in einer Republik. Das meiste, was sie sagen, teile ich mit. Es sind da aber auch ganze Provinzen, in die ich nie einen anderen Menschen werde hineinsehen lassen.« Selbst einem psychoanalytisch geschulten Historiker wie dem kürzlich verstorbenen Amerikaner Otto Pflanze ist es nicht gelungen, diese geheimen Bezirke Bismarcks restlos aufzuschließen, obwohl er in der Analyse von dessen komplizierter Persönlichkeit weiter gekommen ist als jeder andere Bismarck-Biograf.

Die Schwierigkeit besteht ebendarin, dass der Historiker das Objekt seiner biografischen Neugierde nicht einfach auf die Couch legen kann. Die Quellen, die ihm zur Verfügung stehen, geben zumeist nur spärlich Auskunft über das Seelenleben, über Träume und Traumata. Der Biograf von Schriftstellerviten hat es hier leichter: Er kann, wie Hermann Kurzke beispielhaft am Falle Thomas Manns vorgeführt hat, das literarische Werk als biografische Quelle mit heranziehen. Nur in seinem Werk – so Kurzke – habe sich Thomas Mann frei gefühlt, um auch seine Geheimnisse mitzuteilen, »geschützt durch die indiskrete Diskretion der Kunst«. Der Biograf, der sich mit dem Leben etwa eines Staatsmannes oder eines Feldherrn beschäftigt, hat diese Möglichkeit nicht. Er kann in der Regel nicht mehr erreichen als mehr oder weniger große Annäherungen. Kurzum, gelungen ist eine Biografie gerade dann, wenn sie nicht vorgibt, alles zu wissen. »Gute Biographen«, hat Antonia Grunenberg einmal formuliert, »enthüllen die Geheimnisse nicht, sie umkreisen sie, lassen aber ihre Rätselhaftigkeit unangetastet.«

III. Das führt zur dritten These: Jeder Biograf neigt dazu, das Leben seines »Helden« oder seiner »Heldin« nach dem Modell eines bürgerlichen Entwicklungsromans zu konzipieren. Das heißt, er geht im Grunde von der Vorstellung einer Ganzheit des Individuums aus, dessen Leben sich gleichsam als ein genetischer Weg von der Wiege bis zur Bahre beschreiben ließe. Vor dieser »biografischen Illusion« hat bereits der französische Soziologe Pierre Bourdieu in einem viel zitierten Aufsatz aus dem Jahre 1986 zu Recht gewarnt und darauf hingewiesen, dass der behauptete kohärente Zusammenhang einer Biografie, der alle Details einer Lebensgeschichte als logische und zielgerichtete Abfolge von Ereignissen erscheinen lasse, die Komplexität einer historischen Person verfehle. Mit anderen Worten: Der Historiker tut gut daran, sich von der Fiktion der Kohärenz, die zumeist einem retrospektiven Wunschdenken entspricht, zu verabschieden und seine Sinne zu schärfen für die Brüche und Widersprüche, die Vielfalt der Erfahrungen und das Geflecht von Motiven, aus denen sich nur selten ein einziges dominantes herausschälen lässt. Bismarck-Biografie von Lothar Gall BILD

Damit soll keineswegs einer völligen Dekonstruktion oder einer wie immer gearteten Beliebigkeit das Wort geredet werden. Eine Biografie, die sich darauf beschränkt, Episoden in mehr oder weniger lockerer Folge aneinanderzureihen, verfehlt ihr Ziel. Auch bei der Darstellung einer Lebensgeschichte kommt der Historiker nicht umhin, nach entscheidenden Prägungen, nach Determinanten des Handelns zu fragen. Als Beispiel sei Johannes Kunischs zu Recht gerühmte Biografie Friedrichs II., des Großen, genannt. Kunisch verweist einerseits auf das Nichtauflösbare in Friedrichs Persönlichkeit, und er macht andererseits den inneren Zusammenhang seiner Lebensgeschichte deutlich, indem er zeigt, wie bestimmend der Konflikt des jungen Kronprinzen mit seinem Vater, dem »Soldatenkönig«, war. Von hier aus wird manches verständlich im späteren Verhalten des Königs – seine an Verschlagenheit grenzenden Verstellungskünste, sein Sarkasmus, aber auch seine Fähigkeit, sich in scheinbar ausweglosen Situationen, wie im Siebenjährigen Krieg, zu behaupten. Scharf arbeitet Kunisch eine Grundkonstante Friedrichs heraus – »das Denken in den Kategorien des alles oder nichts, des Sieges oder des Untergangs«. Das deutet bereits voraus auf die spätere Generation wilhelminischer Politiker, die mit ihrer halsbrecherischen Risikopolitik das Deutsche Reich in den Ersten Weltkrieg führten, noch mehr auf den Vabanquespieler Hitler, der das Werk der Selbstzerstörung des ersten deutschen Nationalstaats vollenden sollte.

IV. Mit diesen Bemerkungen ist ein weiterer Punkt angesprochen: Kein Historiker, der sich einer so vielschichtigen und umstrittenen Figur wie etwa Friedrichs II., Napoleons oder Bismarcks annimmt, wird von sich behaupten, die endgültige Wahrheit gefunden, das definitiv gültige Bild entworfen zu haben. Vielmehr gehört es zu den unverzichtbaren Aufgaben eines Biografen, der Überlieferungs- und Rezeptionsgeschichte nachzugehen, um zu zeigen, wie sich das Bild gewandelt hat, von welchen Faktoren diese Wandlungen abhängig waren und worin sich die eigene Deutung von anderen unterscheidet. Eine Biografie, die gleichsam voraussetzungslos in medias res springt, schleppt von vornherein eine erhebliche Hypothek mit sich.

Das gilt etwa für die 2005 veröffentlichte große Napoleon-Biografie von Johannes Willms, deren erster Satz lautet: »Bereits die Umstände ihrer Geburt, so wird gerne geglaubt, verweisen auf die künftige Bestimmung großer Persönlichkeiten.« Kein Wort über die Entwicklung der Forschung, kein Wort auch darüber, inwieweit der Verfasser andere Wege einzuschlagen gedenkt als jene, welche die bedeutenden französischen Napoleon-Biografen Georges Lefebvre oder Jean Tulard vorgezeichnet haben.

V. Jede Biografie lebt nicht nur von den Quellen und der Literatur, sondern auch von der Perspektivität des Forschers, von Annahmen, Bildern, Klischees, welche sich in seinem Kopf festgesetzt haben. Insofern gibt jede Lebensbeschreibung auch etwas preis von ihrem Autor selbst, und es wäre gut, wenn er diesen Zusammenhang nicht unreflektiert ließe, sondern sich ihn bewusst machte und darüber Auskunft gäbe. Allerdings ist die Mitteilungsbereitschaft gerade hier nicht besonders ausgeprägt. Ganz selten einmal, dass sich ein Historiker zu seiner subjektiven Sicht bekennt.

Kein Biograf kann umhin, sich in seinen »Helden« einzufühlen, in seine Empfindungen und Gedanken, seine Vorlieben und Abneigungen. Allerdings bedarf dieser Akt des Sich-Hineinversetzens, soll er nicht in der identifikatorischen Sackgasse enden, stets auch einer korrigierenden Gegenbewegung, des Auf-Distanz-Gehens. Die Kunst besteht darin, diese beiden Seiten der biografischen Methode in ein Gleichgewicht zu bringen, ohne die eine oder andere zu privilegieren. Der Biograf müsse, so hat Christian Meier bemerkt, »einen Mittelweg finden zwischen Vertrautmachen und Fremdlassen«. In seiner großen Caesar-Biografie aus dem Jahr 1982 hat der Althistoriker auf exemplarische Weise gezeigt, wie dieser schwierige Balanceakt vollführt werden kann.

VI. »Eine wissenschaftliche Biographie in erzählender Absicht«, so hat Christian Meier sein Werk genannt. Das berührt einen letzten, aber keineswegs nebensächlichen Punkt: die Form der Darstellung. »Daß die Biographie Erzählung sein muß oder gar nichts, bedarf keines Beweises«, schrieb Golo Mann in seinem Plädoyer für die historische Erzählung aus dem Jahr 1979. An dieser Hürde scheitern leider die meisten deutschen Historiker, die sich auf das Wagnis des biografischen Genres einlassen. Die Biografie verlangt von ihrem Autor eine hohe Kunstfertigkeit, Erzähltalent, sprachliche Sensibilität, auch Einfühlungsvermögen und Fantasie – alles Gaben, die sich in hiesigen historischen Seminaren nicht gerade besonderer Wertschätzung erfreuen. Die Knigge-Biografie von Ingo Hermann BILD

»Es ist leider so«, bemerkte Golo Mann in einem Brief an seinen Freund Joachim Schiller vom November 1959, »daß die deutschen Professoren meist nicht gut schreiben und daß die vielgeschmähten Amerikaner ungleich besser, kultivierter, schriftstellerischer schreiben. Ich sage das nicht aus Vorurteil…, sondern aus bitterer Erfahrung heraus. Mein eigener, wenn ich so sagen darf, Erfolg beruht in Deutschland ja auch wesentlich darauf; Sie wissen ja, wo der Einäugige König werden kann… Ein wenig Kultur im Erzählen, und man ist schon eine Seltenheit.« Das schrieb Golo Mann, zwölf Jahre bevor er – im Oktober 1971 – seinen Wallenstein veröffentlichte, ein Werk, das, was die literarisch-ästhetische Dimension des Biografischen betrifft, Maßstäbe gesetzt hat. In der deutschen Historikerzunft fand das Buch eine sehr kühle Aufnahme. Gegenüber Johannes Kunisch beklagte sich der Autor im Juli 1983: »Das Buch hat vielen Leuten gefallen, alten und sehr jungen, einfachen und sehr komplizierten. Aber die ›Zunft‹? Da war nahezu nichts…«

Die Kultur des Erzählens – sie vermisst man auch heute noch in vielen Biografien aus der Feder deutscher Fachhistoriker. Gewiss, es gibt die erwähnten großen Bücher von Christian Meier, Johannes Kunisch und Lothar Gall. Doch das sind Ausnahmen geblieben. Die Regel sind eher Biografien wie zuletzt die von Walter Mühlhausen über Reichspräsident Friedrich Ebert – eine über tausendseitige Publikation, die jeden Sinn für Proportionen vermissen lässt und sich im Gestrüpp der Details verliert. An solchen hoch subventionierten Werken, die keinerlei Rücksichten nehmen auf die Bedürfnisse der Leser, können allenfalls einige Dutzend Spezialisten Gefallen finden.

Für die großen Historiker des 19. Jahrhunderts – von Leopold von Ranke bis Theodor Mommsen – war es dagegen noch selbstverständlich, dass die Darstellung so abgefasst sein musste, dass sie ein großes bildungsbürgerliches Publikum erreichen konnte. Dass der Geschichtsschreiber »vielleicht mehr zu den Künstlern als zu den Gelehrten« gehöre, hat Theodor Mommsen in seiner Berliner Rektoratsrede von 1874 bemerkt. Nicht zufällig erhielt Mommsen 1902 für seine Römische Geschichte den Nobelpreis für Literatur. Doch dass einst Klio eine Muse war, geriet in der deutschen Geschichtswissenschaft bald in Vergessenheit. In der Weimarer Republik führte die überwiegend konservative Fachhistorie einen verbissenen Kampf gegen die sogenannten historischen Belletristen – Autoren wie Emil Ludwig, der mit seinen Biografien ein Millionenpublikum fand. Heute haben sich solche Vorbehalte abgeschwächt, erfreuen sich die Werke von Sebastian Haffner oder Joachim Fest einiger Wertschätzung, selbst unter Vertretern der akademischen Disziplin. Doch so schreiben wie jene Publizisten – das wollen oder können sie nicht. Und das ist auch einer der Gründe für die Distanz zwischen Geschichtswissenschaft und Öffentlichkeit hierzulande, die zwar immer wieder heftig beklagt wird, an der aber die Vertreter der Zunft selbst ein gerüttelt Maß Anteil haben.

Die Zitate von Golo Mann sind dem von Tilmann Lahme und Kathrin Lüssi herausgegebenen Buch »Golo Mann, Briefe 1932–1992« (Wallstein, Göttingen 2006; 535 S., 32,– €) entnommen

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