Wenn in diesen Tagen der 50. Jahrestag der Römischen Verträge gefeiert wird, dann geschieht das mit gutem Grund: Das vereinigte Europa mit seinen 27 Mitgliedsstaaten präsentiert sich in der Tat als historisch beispielloses Erfolgsmodell, dessen Glanz vor dem unfriedlichen Hintergrund der europäischen Geschichte zwischen 1500 und 1945 besonders hell strahlt. Das neue Europa hat es nicht nur vermocht, die Epoche der zwischenstaatlichen Rivalitäten und Kriege zu beenden, sondern darüber hinaus auch, den scheinbar unversöhnlichen Gegensatz von Kapitalismus – mit seiner soziale Ungleichheit verschärfenden Wirtschaftsform – und gesellschaftlicher Solidarität zu neutralisieren, wenigstens ein Stück weit. Den Erfolg dieser Versöhnungsarbeit darf sich vor allem die Sozialdemokratie an ihre Fahnen heften.

Aber, sagt der amerikanische Rechtsgelehrte Roberto Mangabeira Unger, ebenjene erfolgsverwöhnte Sozialdemokratie ist inzwischen an ihre Grenzen gestoßen. Obwohl immer noch "ein großer Teil der Menschheit" fasziniert auf Europa schaue, weil es eine erstrebenswerte Alternative zum American Way of Life darstelle, sei das "sozialdemokratisierte" Europa dabei, sich mit den gängigen wirtschaftsliberalen Orthodoxien zu arrangieren und bloß noch politischen Projekten nachzujagen, die den vermeintlichen Sachzwängen der globalisierten Wirtschaft gehorchen – bestenfalls geht es um Besitzstandswahrung aufseiten der klassischen sozialdemokratischen Klientel. Angesichts solcher Engführung von Politik plädiert Unger offen für "eine andere Linke".

What Should the Left Propose? (so der Originaltitel) – was kann und sollte eine Linke jenseits der Sozialdemokratie ins Auge fassen? Zunächst einmal müsste sie eine gesellschaftliche Fantasie freisetzen, die sich von überlieferten historischen Mustern und Maßstäben löst und das noch nicht Gedachte und noch nicht Ausprobierte denkt und ausprobiert, statt die vermeintliche Alternativlosigkeit des globalen Kapitalismus zu akzeptieren. Auch die Organisation des demokratischen Prozesses, der größtmöglichen Beteiligung der multitude (um mit Michael Hardt und Toni Negri zu sprechen) unter Einschluss des von der Linken gern horrifizierten Kleinbürgertums, bedarf Unger zufolge dringend einer Frischzellenkur, wenn verhindert werden soll, dass die Menschen massenhaft in Politikverdrossenheit, Resignation und Apathie abwandern. Unter einer "Hochleistungsdemokratie" versteht der Autor eine "Maschine für die permanente Erfindung der Zukunft", von deren Betrieb und Instandhaltung niemand ausgeschlossen wird.

Die Krise, die uns zu radikalem Um- und Neudenken zwingt, ist ja keine Kopfgeburt einer "bösen Linken", die immer nur schwarzsieht – sie ist längst da. Und alle wissen es. Die vorhersehbare Erschöpfung der fossilen Energieträger, die einhergeht mit einem weltweit rapide steigenden Energiebedarf und -verbrauch, der keineswegs mehr utopische Klimakollaps mit seinen "Kollateralschäden", die ökonomische Verelendung und politische Destabilisierung ganzer Weltregionen, die wachsende Marginalisierung großer Bevölkerungsteile auch in den Zitadellen des Wohlstands: All das verlangt politische Antworten, die mehr bieten als bloß ein paar kosmetische Korrekturen. "Die Fantasie an die Macht" pinselten im Mai 1968 die Pariser Studenten an die Mauern der Sorbonne. Ähnliches fordert Unger, wenn er schreibt, die Linke müsse sich "die Sache des Experimentierens" zu eigen machen. Falls es zutrifft, dass, wie der Harvard-Professor skeptisch urteilt, die andere große und reiche Zivilisation, die Vereinigten Staaten, "keine imaginative Verbindung zum Rest der Menschheit" mehr hat, dann ist umso stärker eine neue europäische Linke am Zuge, die den sozialdemokratisch legitimierten "Sachzwang" entschlossen ignoriert und zu neuen Ufern aufbricht. Hans-Martin Lohmann