Geht das eigentlich, darf er das überhaupt? Der Papst hat ein Buch geschrieben – aber nicht als Papst, sondern als Gelehrter und Privatmann; und der Papst, der Inhaber des öffentlichsten Amts der Welt, ist doch nie privat. "Joseph Ratzinger – Benedikt XVI." steht als Autorenunterschrift unter dem Vorwort, als Zeichen für die einmalige Doppelnatur des Verfassers.

Es hat etwas Anrührendes, wie er auf alle lehramtlichen Ansprüche verzichtet, den obersten Hirten gewissermaßen in die Tasche steckt: "Ich bitte die Leserinnen und Leser nur um jenen Vorschuss an Sympathie, ohne den es kein Verstehen gibt." Es ist sein persönliches Jesus-Bild, seine Auseinandersetzung mit der modernen Bibelwissenschaft, die er vorstellen will, als Theologen-Kollege und als gläubiger Christ. Aber natürlich wird, was Joseph Ratzinger geschrieben hat, als Äußerung von Benedikt XVI. gelesen werden.

Benedikt XVI. ist nicht der erste Papst, der in dieser Weise im eigenen Namen redet. Sein Vorgänger, Johannes Paul II., hat in seiner Amtszeit im Vatikan vier Bücher veröffentlicht: zwei Bände meditative Erinnerungen an seine Priester- und Bischofsjahre, zwei theologisch-philosophische Bücher, die aus Gesprächen oder Journalistenfragen entstanden sind. Aber das war eben Johannes Paul II., Karol Wojtyła, der Papst des Sinatra-Mottos " I did it my way ". Er hat aus seiner Lebenserfahrung als Familienseelsorger, Philosophieprofessor, Konzilsvater und Pole im 20. Jahrhundert den Stoff seines Pontifikats gemacht.

Joseph Ratzinger dagegen wirkte als Kardinal und Präfekt der Glaubenskongregation geradezu wie ein Gegengewicht zu diesem päpstlichen Subjektivismus – römisch, klassisch, amtlich. Er hatte ein bisschen darauf zu achten, dass sein Chef nicht allzu sehr ins Kraut schoss. So etwa beim Wechsel vom feierlichen "Wir", dem Pluralis Majestatis, mit dem die Päpste früher sprachen, zum intimeren "ich", das Johannes Paul II. ganz selbstverständlich benutzt hat. Ratzinger spürte genau, dass sich darin nicht einfach eine neue Bescheidenheit zeigte, sondern auch ein neues Selbstbewusstsein, vielleicht sogar eine Gefahr: Förmlichkeit diszipliniert, Individualität kann enthemmen.

Doch so ganz der römisch-objektive Kirchenfürst ist Joseph Ratzinger in Wirklichkeit nie gewesen. Als ihn Johannes Paul II. Anfang der achtziger Jahre in den Vatikan holen und zum Hüter der katholischen Lehre machen wollte, erkundigte sich Ratzinger zunächst einmal, ob er auch weiterhin als Theologe würde publizieren können. Erst als er die Erlaubnis hatte, sagte er zu; er wollte sich nicht in ein gesichtsloses Orthodoxie-Orakel verwandeln.

Tatsächlich hat er in seiner Zeit als Glaubenspräfekt eine ganze Menge Bücher herausgebracht, meistens Sammlungen von Gelegenheitsschriften und -ansprachen. Zur ungestörten Arbeit an großen Werken kommt man in so einem Amt nicht. Ratzinger hat das als seine Tragik, korrekter gesagt: als sein Opfer für die Kirche empfunden – dass er als der vielleicht begabteste Theologe seiner Generation nicht als freier Mann ein wissenschaftliches Œuvre schaffen konnte, sondern sich dienstverpflichten lassen musste.

Umso ungerechter fühlte er sich behandelt, wenn man ihn als großinquisitorenhaften Inbegriff kirchlicher Macht angriff; die "Macht" ist aus seiner Sicht vor allem Entfremdung vom Ideal des Professorendaseins gewesen. Mit Jesus von Nazareth hat er sich nun doch noch einmal den Traum vom großen Werk erfüllt (obwohl der Leser schnell merkt, dass das Buch ein Mosaik, eine Komposition von Einzelstücken ist – Ratzinger ist ein Essayist, kein Erzähler). Die ersten vier Kapitel hat er noch als Kardinal geschrieben, den Rest nach der Papstwahl, in jedem freien Augenblick, wie er im Vorwort erklärt; ein zweiter Band soll, so dem Autor Zeit und Kräfte bleiben, folgen.