Er war ein geniekritischer Künstler, der posthum zum Genie verklärt wurde. Nun hat Susanne Kippenberger ihre Erinnerungen an den Bruder Martin Kippenberger aufgeschrieben, dessen Bilder seit seinem Tod Auktionsrekorde erzielen. Die Frage ist, welchen Stellenwert solche "persönlichen Erinnerungen" haben. Susanne Kippenberger stellt schon in der Einleitung klar, dass sie keine kunsthistorische Einordnung liefern möchte. Ihr Buch sei keine Biografie, vielmehr ein Porträt.

Die Autorin hat "Augenzeugen" aus dem Kunstbetrieb befragt (mich eingeschlossen), die ihre Erinnerungen an die Person Kippenberger zum Besten geben. Bei jeder dieser Geschichten müsste man nach dem Kontext fragen, aus dem das Buch sie aber herausreißt. Denn die Befragten – vom ehemaligen Galeristen bis zur Exfreundin – verfolgen ja ihr eigenes Kippenberger-Interesse, so wie auch Susanne Kippenberger ein bestimmtes Bild ihres Bruders mit Hilfe der gesammelten Zitate zu untermauern sucht. Dies alles trägt nicht zur Wahrheitsfindung bei, eher zur retrospektiven Verklärung.

Aufschlussreich sind die Informationen zu seiner Kindheit im Ruhrgebiet. Martin Kippenberger wird als verletzlicher und rebellischer Junge gezeichnet, aufwachsend in einer Großfamilie mit vier Schwestern und einem so dominanten wie künstlerisch ambitionierten Vater. Er war schlecht in der Schule und flog vom Internat, nahm Drogen, zeichnete aber viel und hielt sich an die Familienregel, dass alles Erlebte schriftlich oder fotografisch festzuhalten und aufzubewahren sei. Frühe Zeichnungen oder Auszüge aus Briefen an seine Mutter sind interessant, weil sich sein Hang zu einer Selbststilisierung, die in Selbststigmatisierung kippt, andeutet. Die Kindheit fungiert so als Schlüssel zum Verständnis jener "Haltung", die man mit der Person Kippenbergers assoziiert: dem Buhlen um Aufmerksamkeit, der tyrannischen Involvierung anderer, dem Nicht-allein-sein-Können. Es sind die gängigsten Kippenberger-Mythen, die biografisch befestigt werden. Das Problem ist, dass das Buch so im Stil der klassischen Künstlerlegende suggeriert, er sei zum Künstler berufen gewesen.

Obwohl Susanne Kippenberger dafür plädiert, den Künstler vom Menschen zu trennen, unterläuft ihr genau dies: Künstler und Person, Kunst und Leben zu vermischen. Die Kunst wird regelmäßig mit biografischen Angaben erklärt, so etwa sein künstlerisches Motto – "Arbeiten, bis alles geklärt ist" – mit seiner Lebensweise ("Denn er arbeitete hart bis zum Schluss"). Diese Verkürzung der Kunst auf das Leben ist bei einem Künstler, der schon zu seinen Lebzeiten als "legendär" galt, fatal. Hat er doch Aspekte seines (authentisch inszenierten) Lebens in die Waagschale geworfen und das, was ihm im Leben zustieß, in Kunst überführt. Entscheidend ist, dass diese Überführung auf künstlerische Weise geschah. Seine Kunst ist mehr als der verlängerte Arm seines Lebens. Zugleich sendet sie jede Menge Zeichen für gelebtes Leben aus, was, nebenbei bemerkt, das derzeitige Begehren des Kunstmarkts nach seinen mit Leben angereicherten und deshalb Authentizität verheißenden Selbstporträts erklärt.

Wäre es also angemessener gewesen, allein über Kippenberger als Person unter Auslassung seiner Künstleridentität zu schreiben? Das wäre schwer möglich. Denn jede noch so beiläufige Bemerkung zu seiner Person wird derzeit – angesichts des Hypes um diesen Künstler, der posthum zum Beckenbauer eines besseren Malerdeutschlands erklärt wird – in die Legendenbildung eingewebt.