Es passiert am 19. Juli 1886: Paula Becker ist zehn Jahre alt. Sie hat Sommerferien und spielt mit ihren Geschwistern, Cousins und Cousinen in einer Sandkuhle in Hosterwitz bei Dresden. Eine Sandwand löst sich und verschüttet die sieben Kinder. Sechs können sich befreien, Cousine Cora erstickt im Sand. Mit einer Tragödie beginnt Barbara Beuys ihre Biografie der Malerin Paula Modersohn-Becker, Mitglied der Worpsweder Künstlerkolonie.

Es ist das fünfzehnte Buch der Redakteurin und Autorin, die Geschichte, Philosophie und Soziologie studierte und deren 1980 geschriebenes Familienleben in Deutschland zu einem Bestseller wurde, ein Thema, dem sie mit Paula Modersohn-Becker treu bleibt. Barbara Beuys ist eine akribische Quellendurchforsterin. Sie sichtet Briefe und Tagebücher, nicht nur von der Malerin, sondern von allen mit ihr Lebenden. Und sie setzt aus vielen, vielen Zitaten das Bild einer liberalen, erst in Dresden, dann in Bremen lebenden Familie zusammen, die moderner ist als die meisten an der Wende zum 20. Jahrhundert.

Der Vater, Woldemar Becker, freundlich, aber schwach, kommt im Beruf nicht so voran, wie von ihm erwartet. Die Mutter, praktisch, gesellig, zieht die gesellschaftlichen Fäden. Sie leben in einem großen Geflecht von gut meinenden Verwandten, das bis nach England reicht.

Nebelschwaden, Worpswede und Moor sind hier nur Hintergrund

Worpswede, die Nebelschwaden, die über das Teufelsmoor ziehen, die weißen Birken, die dunklen Kiefern, das Glockengeläut, die ganze dumpfe naturmystische Stimmung tauchen in dieser Paula-Modersohn-Becker-Biografie glücklicherweise nur als Hintergrund auf. Für Barbara Beuys bleibt es eines der vielen Künstlerdörfer aus dem 19. Jahrhundert, die heute von Touristen überlaufen werden, die Selbstgetöpfertes mit Kunst verwechseln. Für die Malerin ist Paris ein »Lebensbedürfnis«, in sechs Jahren hält sie sich fünfmal wochen- oder monatelang dort auf.

Auch die Bilder der Künstlerin sind in diesem Buch fast Nebensache. Sie hätte genauso gut schmieden können oder Möbel tischlern oder Gärten anlegen. Barbara Beuys ist keine Kunsthistorikerin. Sie notiert, was die Malerin in ihren Briefen mitteilt: das Streben nach Hohem, Höchstem. Das gefühlte Künstlertum. Vergleichbares, nur mit anderen Vokabeln könnte eine Schreinerin formulieren. Auch sie wäre um 1900 Pionierin auf männlich besetztem Terrain, als Kunstakademien Frauen noch keinen Zugang gewähren und private Lehranstalten Frauen wohl zulassen, mitunter aber das doppelte Schulgeld abverlangen.