Die angesehene Familie, in die er geboren wurde, lebte vom Handel wie alle in der kosmopolitischen Stadt, die dem Mangel an natürlichen Ressourcen mit den Einkünften eines Wallfahrtsortes aufzuhelfen versuchte. So besaß die Familie seiner Mutter das Privileg, heiliges Wasser an Pilger auszuteilen. Der Vater starb vor seiner Geburt und ließ die junge Witwe mittellos zurück. Der Großvater gab den Knaben aufs Land, wo die Ernährung besser war.

Dort hütete er Schafe, bis er sechs war und seine Mutter ihn wieder zu sich nahm. Kurz darauf starb sie, und er kam in die Obhut eines Onkels. Eine geregelte Erziehung erhielt er wohl nicht; zumindest ist überliefert, dass er in der entscheidenden Stunde seines Lebens zugeben musste, nicht lesen zu können. Dafür nahm er die bunte Mischung weltanschaulicher Strömungen seiner Heimatstadt in sich auf und lernte die Kulturen der fremden Länder kennen, in die er seinen Onkel als Gehilfe auf Handelsreisen begleitete.

Seine Tüchtigkeit und sein guter Charakter kamen einer reichen Geschäftsfrau zu Ohren, die ihm eine Vertrauensstellung anbot. Bald trug sie dem 25-Jährigen die Ehe an. Über 20 Jahre lang war er glücklich verheiratet mit der 15 Jahre Älteren. Sie gebar ihm zwei Söhne, die früh starben, und vier Töchter. Er achtete und liebte seine kluge Gattin, sie hielt zu ihm, als er verstört Anzeichen von Geisteskrankheit an sich wahrzunehmen meinte. Er floh vor der Welt und vor sich selbst, trug sich sogar mit Selbstmordgedanken. Immer stärker litt er in der sittenlosen und korrupten Gesellschaft seiner Zeit unter dem Egoismus der Menschen, die sich beherrschen ließen von der ausschließlichen Sorge um materielles Wohlergehen. Wies er mahnend auf eine höhere Wirklichkeit, erntete er Hohn und Spott. Trost und neuen Mut fand er bei seiner Gemahlin, offene Ohren bei den Armen und Unterdrückten. Mit seinen Forderungen, wie der nach einer Steuer zum Ausgleich von Reichtum, machte er sich die herrschende Schicht zum Gegner. Erhob er seine Stimme, wurde er mit Pöbeleien übertönt, bespuckt und mit einer Tierplazenta beworfen. Er ließ sich nicht provozieren, stand er doch unter dem Schutz des Onkels, auch wenn der von seinen Ansichten nichts wissen wollte. Seinen Anhängern, die sich nicht vor Misshandlungen schützen konnten, musste er zur Flucht raten. Aber als der Onkel starb und bald darauf seine geliebte Frau, war es auch für ihn Zeit: Mit wenigen Gefährten verließ er nachts die Stadt, in der eine Belohnung auf seinen Kopf ausgesetzt war. Aufgenommen wurden sie in einem kleinen Ort von Anhängern, die bereit waren, ihr Hab und Gut in einer neuartigen brüderlichen Gemeinschaft mit den Flüchtlingen zu teilen.

In kämpferischen Auseinandersetzungen gelang es ihm, seine Autorität unter Beweis zu stellen und seinen Einfluss auszuweiten. Schließlich zog er als Sieger wieder in seine Heimatstadt ein.

Zum Staatsmann geworden, fasste er seine Überzeugungen in Verordnungen, die Grundlage sein sollten für eine bessere Welt. Unter anderem verbot er die Tötung weiblicher Kinder, Prostitution und Zwangsheirat, führte das Erbrecht für Frauen ein und begrenzte die Zahl der Ehefrauen. Er selbst hatte nun doppelt so viele, unter ihnen seine junge, schöne und intrigante Lieblingsfrau. In ihren Armen starb er. Wer wars?

Wolfgang Müller

Auflösung aus Nr. 14:
Robert Altman (1925 bis 2006) erhielt im Februar 2006 den Oscar für sein Lebenswerk und starb am 20. 11. desselben Jahres. Nach Misserfolgen war ihm 1993 mit »Short Cuts« ein spektakuläres Comeback geglückt. Seinen letzten Film, »A Prairie Home Companion«, hat er noch persönlich auf der Berlinale vorgestellt. In den sechziger Jahren drehte er acht Folgen der Serie »Bonanza«. Weitere berühmte Filme vom Meister des Ensemble- und Episodenfilms: »M.A.S.H.« (1969), »Nashville« (1975), »The Player« (1992)

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