Manchmal sind die guten Zeiten wirklich die alten. Die italienische Okkupation Äthiopiens war 1941 vorüber, da befreite sich auch die Musik des Landes. Vorbei die Zeit, in der die Musikausübung nur der Kaisergarde, dem Militär, der Polizei vorbehalten war. Vorbei die Zeit auch, als die traditionelle äthiopische Musik der Bauern, Hirten und Wanderprediger mit ihren Schalmeien-Instrumenten, ihrer Versfixierung und ihrem Gehorsam gegenüber der Zensur die musikalische Alleinvertretung beanspruchen konnte. Junge Bands entstehen, die mit Jazzelementen eine stille Revolte auch der Lebensformen anzettelten.

Kaiser Haile Selassi lässt sie gewähren, swinging Addis ist geboren, samt Schlaghosen, Afrolook, Miniröcken und Pille.

Die glücklichsten Jahre sind die letzten vor dem Staatsstreich der Militärjunta 1974. In jenem Jahrzehnt entfaltete sich eine Blütezeit kaum vorbereiteter und nie fortgesponnener Musik. Mulatu Astatqé, die Schlüsselfigur der Bewegung, Solist, Komponist, Arrangeur und Produzent, hatte im Westen studiert, ehe er Ende der Sechziger nach Addis zurückkehrte. Sein »Ethio Jazz« war der Versuch, den Jazz mit lokalen Musiktraditionen zu verschmelzen. Vibrafon, Congas, Bongos, Hammondorgel führte er ein, Einflüsse von Calypso, lateinamerikanischer, karibischer Jazzmusik versetzte er mit Blueselementen. Erstmalig erhält die Musik einen Orchestersound.

Ein Glücksfall der kulturellen Überlieferung, dass diese so heiter-tiefe, so hypnotische wie wenig weltmarkttaugliche Musik zugänglich geblieben ist. Die Reihe Éthiopiques (Buda Musique, Copyright CRC Edition) versammelt die Perlen aus den Jahren der befreiten nationalen Musikproduktion. Volume 1 wähle, wer die Vokalartistik bevorzugt, Volume 4, wer sich ganz dem Instrumentalzauber überlassen möchte. Diese Alben besitzen den unnachahmlichen Sound handgemachter Musik, die Streicher entstammen vermutlich dem Polizeiorchester, einige Solisten sind völlig unbekannt, sie suchen nichts Virtuoses. Auch das Tasten der Rhythmusgruppe kennt weder die variable Rhythmik des Bebop, noch die Stereotypien des Township-Swings. Mag das Orchester rumpeln, das Altsaxofon nach Basstuba klingen, so verströmt der Sound doch den Schmelz eines meditativen Gesanges, in den man den Glast der Sonne, den Staub, das Schleifen der Tanzschritte auf dem Boden, das Flirren des Lichts dringen zu hören meint. Swingin Addis eben, andere Welt, andere Zeit. Magisch.