Trokavec/Prag

Draußen pfeift der Wind. Doch im Wahlraum bollert der Kohleofen. Die Wahlhelferinnen haben sich schick gemacht und sitzen hübsch aufgereiht hinter der Wahlurne. Ab und an kommt ein Bürger vorbei. Dann gibt’s ein Schwätzchen, einen Kaffee und einen Zettel, auf dem nur eine Frage steht: »Möchten Sie, dass sich die Gemeinde auch weiterhin gegen den Bau der amerikanischen Radarstation engagiert? Ja oder nein.« Die Entscheidung ist schnell getroffen. Dann geht’s wieder nach Hause. Die Familie wartet, der Einkauf, der Garten: Es ist Samstagnachmittag, es gibt viel zu tun. Daran kann auch die ganz große Politik nichts ändern und schon gar nicht die Journalisten, die vor dem Bürgermeisteramt frieren. BILD

Trokavec liegt dort, wo der Wald immer dichter wird und die Straße endet. Dahinter ist nur Wildnis, wuchernde Büsche, sprießende und gefallene Bäume, Pilze, Tiere und Militärschrott. Die Weltgeschichte geht nicht zum ersten Mal über dieses böhmische Dorf und sein Hinterland. Erst enteigneten und vertrieben die Nazis die Bauern in jenem Gebiet im westlichen Tschechien. Dann kamen die Russen und schossen sich dort fast fünfzig Jahre warm für einen Krieg gegen den Klassenfeind, der niemals ausbrechen sollte. Kaum sind sie weg, kündigen sich die Nächsten an. Amerikanisches Militär und eine Radarstation, die in Verbindung mit den in Polen stationierten Raketen Angriffe auf die USA abwehren soll. Ein bisschen Land wollen sie haben und versprechen dafür Freiheit, Sicherheit und Wohlstand. Nicht schlecht, könnte man meinen, doch die Bürger von Trokavec sehen das anders. Sie wählen den Aufstand. Am Ende des Tages haben 99Prozent von ihnen dafür gestimmt, weiterhin gegen das amerikanische Radar zu kämpfen. BILD

Jan Neorál heißt der Mann, der konsequent gegen die Verlockungen aus Washington und Prag argumentiert. Er ist der Bürgermeister, mittelgroß, rundes Gesicht, grauer Asterix-Schnäuzer. Das grüne Hemd ziert ein auffälliger Schmuck. Ein münzgroßes Silberstück mit einem eingeprägten Büffel hält die beiden Enden eines schwarzen Bandes zusammen und hängt über der Brust. Für westlich geprägte Augen sieht das nach Cowboy-Romantik und Country-Stil aus, aber nein, versichert er, er sei kein Western-Fan, er sei ein Wandervogel. Stolz sagt er es: Wandervögel. Eine Riesenmode in der Tschechoslowakei der siebziger und achtziger Jahre. Als der Eiserne Vorhang endgültig dicht und die Russen nicht mehr wegzudenken waren, zogen Tausende in Wald und Flur, zupften die Gitarre und sangen ums Lagerfeuer von Gemeinschaft, Freiheit und Durchhalten in schwerer Zeit.

Die Freiheit hat er jetzt, einer Gemeinde steht er vor, aber die Zeiten – obwohl besser – sind immer noch nicht leicht. Der Wirtschaftsboom hat Dörfer wie Trokavec nie erreicht. Trokavec hat 98 Einwohner, eine Kneipe, ein paar Hühner, Schweine, Kühe, aber keinen Laden, keine Schule, nicht einmal einen Anschluss an die öffentliche Wasserversorgung. Die Vorstellung, dass amerikanische GIs nach ihrem Dienst die Dorfstraße entlanglaufen, um beim Bauern nebenan ein paar Dollar gegen Milch, Eier und Kartoffeln tauschen, ist absurd, und so wischt Jan Neorál die Wohlstandsversprechen mit leichter Hand vom Tisch. »Die Amerikaner werden alle Bau- und Installierungsarbeiten von ihren eigenen Leuten machen lassen, und die wenigen, die hier irgendwann mal stationiert sein werden, werden über interne Kanäle versorgt«, sagt er. Mehr aber als das, was nicht kommt, sorgt ihn, was kommen wird, wenn es nach den Plänen Washingtons geht. Er fürchtet die Auswirkungen des Radars auf Gesundheit und Lebensqualität seiner Leute. »Wissen Sie«, sagt er, »ich kenne mich mit Radaren ein bisschen aus. Ich habe früher mit Radartechnik gearbeitet, und ich denke, es ist eine Schweinerei, eine solche Anlage in der Nähe bewohnten Gebiets aufzustellen. Eine Schweinerei, zitieren Sie mich damit.« Dann gerät er in Rage, spricht von Megawatt, Parasitenstrahlung, Gigahertz, von Studien des Pentagons, von älteren Radaren und deren XBR-Typ-Aufrüstung und hebt schließlich die Faust gegen seine Regierung: »Prag sagt, die Strahlung sei nicht schädlich. Auf der Internetseite des Pentagons aber steht, dass im Umkreis von vier Kilometern des Radars kein Fernseher funktioniert, von sieben Kilometern kein Radio und in einem Radius von acht Kilometern kein Flugzeug fliegen darf, weil die Strahlung die Messgeräte beeinträchtigt. Unser Dorf aber liegt nur zwei Kilometer von diesem Ding entfernt. Was soll ich also von den Aussagen unserer Regierung halten? Ist Herr Schwarzenberg vielleicht schlecht informiert?«

Im 60 Kilometer entfernten Prag haben sie natürlich mitbekommen, dass ihre Pläne auf wenig Gegenliebe stoßen, und Außenminister Karl Schwarzenberg ist auch gleich in seine schwarze Dienstlimousine gestiegen, um den Anwohnern des Stationierungsgebiets die Sachlage zu erklären. Mit erstaunlich wenig Erfolg. Jan Neorál zeigt sich unbeeindruckt. Zu lange hat seine Generation unter politischer Willkür gelitten, ohne sich wehren zu können. Jetzt kommt seine Chance, auf den Tisch zu hauen. Er wird sie sich nicht nehmen lassen