Ein schnelles Lächeln, ein kräftiger Händedruck, schon sitzt er und legt sein Markenzeichen, die braun getönte Brille, ab. Roll on! Es kann losgehen, die Zeit ist knapp. Dieser Mann hat ständig Termine auf allen Kontinenten, bei Nelson Mandela und Bill Gates, bei George W. Bush und Angela Merkel. Und natürlich auch beim Papst. Bono, der Rockstar, der Kämpfer für eine gerechtere Welt.

Wir sind in Berlin, im Büro seiner Organisation Data, die sich für Schuldenerlass, freien Handel und die Bekämpfung von Aids in Afrika einsetzt. Es wurde erst Anfang des Jahres eingerichtet – extra für den G8-Gipfel, der im Juni im mecklenburgischen Heiligendamm stattfindet. Schon im Vorfeld soll Druck ausgeübt werden auf die reichen und mächtigen Nationen, damit sie ihre entwicklungspolitischen Versprechen einlösen. Soeben hat Bono mit den Koordinatoren von »Deine Stimme gegen die Armut« über alle möglichen Aktionen gesprochen. Der deutsche Ableger der weltweiten Kampagne wird von Herbert Grönemeyer, Claudia Schiffer und zahlreichen Prominenten unterstützt; man will erreichen, dass die Bundesregierung, der Gastgeber von Heiligendamm, mit gutem Beispiel im Kampf gegen die globale Armut voranschreitet.

DIE ZEIT: Vor zwei Jahren, beim G8-Gipfel im schottischen Gleneagles, haben die großen Wirtschaftsmächte beschlossen, ihre Entwicklungshilfe bis 2010 auf 50 Milliarden Dollar jährlich zu verdoppeln, die Hälfte davon für Afrika. Wenn man sich die Statistiken Ihrer Organisation Data anschaut, dann liegt Deutschland weit hinter seinen Zusagen zurück.

Bono: Es macht uns in der Tat große Sorgen, dass die Selbstverpflichtungen von Gleneagles nicht eingelöst werden. Wir dachten, wenn es ein Land gibt, das seine Versprechen hält, dann ist es Deutschland. Ich mag die Deutschen, aber selbst Leute, die das nicht tun, glauben das. Es wäre ein Desaster, wenn die deutsche Regierung nicht zu ihrem Wort stünde, auch weil es die anderen Regierungen nachmachen würden. Es wäre ein moralischer Bankrott, der im Süden viele Menschen das Leben kosten würde. Weil sie keine Medikamente gegen HIV/Aids haben. Oder weil es an Moskitonetzen fehlt, um sich vor Mückenstichen zu schützen. 3000 Kinder sterben jeden Tag an Malaria – und das im 21. Jahrhundert.

ZEIT: Alle Hoffnungen richten sich also auf den G8-Gipfel Anfang Juni in Heiligendamm, auf unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel, die Sie einmal eine »sehr weise Frau« genannt haben.

Bono: Ja, das ist sie. Weil sie die Unterstützung für Afrika nicht nur als moralischen Imperativ sieht, sondern auch als geopolitische Notwendigkeit. Denn da gibt es die Chinesen, die quasi den ganzen Kontinent kaufen – Öl, Gas, Bodenschätze aller Art – und in ressourcenreichen Ländern wie dem Sudan einen schlechten Einfluss ausüben. Im Ölstaat Nigeria schreitet die Islamisierung voran, dort entsteht ein Mini-Irak. Somalia ist ein lehrreiches Beispiel dafür, was passiert, wenn wir ein Land alleinlassen. Es wäre also ziemlich dumm, wenn wir die Entwicklungen auf unserem Nachbarkontinent nicht beachten würden. Unsere Hilfe ist ein sehr gutes Investment. Es rettet Menschenleben, es verhindert, dass Staaten kollabieren. Das weiß Frau Merkel, sie denkt strategisch.

ZEIT: Die Kanzlerin macht also nicht nur die üblichen Lippenbekenntnisse?

Bono: Keineswegs. Aber die Frage ist, wie wandeln wir ihre guten Absichten in hartes Geld um? Denn die Entscheidung, seinen Nachbarn zu helfen, ist sehr unpopulär. Hey, heißt es gleich, wir haben doch selber jede Menge Probleme. Die Politiker müssen also sehr viel Mut haben, und sie brauchen kräftigen Rückenwind. Der kommt in Deutschland von einer wachsenden Bewegung, vor allem von der Kampagne »Deine Stimme gegen Armut«, die von Hilfsorganisationen und Herbert Grönemeyer getragen wird.

ZEIT: Sie sprachen einmal vom Merkel-Ballack-Effekt. Werden wir ihn in Heiligendamm spüren?

Bono: Das liegt auch an uns. Wir müssen raus auf die Straße, wir müssen Lichterketten organisieren, wir müssen allen Politikern beibringen, dass dieser Gipfel von höchster Wichtigkeit ist. Wir müssen die Jugendkultur erreichen, ich selber komme mir manchmal wie ein Langweiler vor, wenn ich mitten unter den Fans von Tokio Hotel bin, wie neulich bei der Echo-Verleihung hier in Berlin. Aber diese Teenager sind begeistert, wenn ich ihnen erzähle, dass durch den Schuldenerlass für die ärmsten Länder, den Deutschland vor acht Jahren angestoßen hat, in Afrika 20 Millionen Kinder mehr in die Schule gehen können. Sie spüren, dass es etwas bringt, wenn man sich engagiert. Am Ende kamen die Musiker von Tokio Hotel auf mich zu und sagten, sie wollen auch was tun. Das ist ermutigend. Da zeigen sich neue Deutsche, die nicht mehr die Lasten der Vergangenheit mit sich herumschleppen. Sie sind stolz auf ihr Land. Bei der Fußball-WM haben sie wie die Brasilianer getanzt.

ZEIT: Vorhin war die Rede von moralischen und strategischen Motiven. Was treibt Sie eigentlich an?

Bono: Darüber habe ich aufgehört nachzudenken. Denn ich bin an einen Ort gegangen, an dem ich eigentlich gar nicht sein will. Ich habe jetzt die schrecklichste Rolle, die man sich denken kann: Ich bin ein vernünftiger Mann geworden. Aber unter der Oberfläche ist viel Zorn, und am allermeisten regt mich die Dummheit auf. Doch ich habe mir gute Manieren zugelegt. Ich denke strategisch und weiß, um eine Fußballanalogie zu gebrauchen, wie man aus dem Mittelfeld eine Abwehr überwindet und den Ball ins Tor schießt. Mir begegnen viele kluge und begabte Leute, aber sie tun einfach nichts. Ich versuche, die Dinge aus ihrer Sicht zu betrachten, um unsere Sache voranzubringen. Da geht es mir nicht nur darum, aus potenziellen Feinden Freunde zu machen. Ich fühle mich dabei einfach mitten im richtigen Leben.

ZEIT: Wie eine singende Mutter Teresa im Elend der Welt?

Bono: Oh, das tut weh! Sie hatte eine gute Stimme, aber wir haben nicht die gleiche Stimmlage. Ich bin ein Punkrocker und kein Hippie, der Händchen hält und vom Wunschdenken geleitet wird. Ich mache Deals, ich will, dass etwas vorangeht. Ich habe viel mehr vom Sänger von The Clash, Joe Strummer, als von Mutter Teresa.