Der Komponist Erik Satie (1866 bis 1925) pflegte in Tarnung aufzutreten. Er besaß ein ganzes Herrenbekleidungsgeschäft von identischen Samtanzügen, die man nach seinem Tod in seinem spartanischen Pariser Zimmer fand, er verschanzte seine Augen hinter Brillen und Monokeln, er sprach zur Welt über verspielte Karikaturen und abgründige Spielanweisungen. Satie war unergründlich, für seine Musik gab es keine Schubladen: Sie war federleicht, wenn sie sich feierliche Gewänder überstreifte, sie war todernst, wenn sie blinzelte. In ihren schönsten Momenten wollte sie nichts anderes sein als ein Möbelstück. Erst die Moderne fasste den Mut, sich auf Satie zu berufen; John Cage, die Aleatoriker und die Minimalisten bewunderten ihn.

Doch sein berühmtestes Stück entstand weit vor aller Hingabe an die filigranen Formen von Dadaismus, Humor und Nonsens. Es sind die Trois Gymnopédies von 1888, drei Anspielungen an jene Tänze von Jünglingen im antiken Sparta, die eine Apollon-Statue umkreisten und die Gefallenen der Schlacht von Thyrea ehrten. Satie war freilich kein beflissener Historiker, der sich vom Buddeln im literarisch überlieferten Altertum animiert fühlte; ihn beschwingte die gräzisierende Mode seiner Zeit, die seit Napoleon III. unter dem Zauberwort Néogrec kursierte.

Satie spielte mit dieser stilistischen Mode, denn die Stücke sind in Wirklichkeit langsame, verhangene, strenge Walzer fürs Cabaret, genauer: fürs Nachtcabaret Chat Noir, in dem er nach seinem Umzug nach Montmartre sein bescheidenes Geld verdiente. Die Gymnopédies (überschrieben mit Lent et triste, Lent et douloureux und Lent et grave) waren sein Eintrittsbillett in den geistvoll-fidelen Salon; der Titel war bereits durch seinen Kopf gespukt, als noch keine Note geschrieben war. Vorsorglich hatte er sich schon bei seiner Ankunft im Chat Noir unter der Berufsbezeichnung "Erik Satie, Gymnopädist" ankündigen lassen.

Als die Noten endlich geschrieben waren, lobte der Ironiker Satie sie zu Recht über den grünen Klee. Im November 1888 lancierte er eine Notiz zur 3. Gymnopédie: "Dem Musikpublikum können wir dieses Werk nicht wärmstens genug empfehlen." Therapeutischen Nutzen zog eine arme Frau, welche die Noten mehr als einmal vorgespielt bekam. Sie schrieb Satie einen Brief: "Monsieur! Seit acht Jahren leide ich an Nasenpolypen, kompliziert durch ein Leberleiden und rheumatische Schmerzen. Nach vier- oder fünfmaliger Anwendung Ihrer Dritten Gymnopédie war ich vollständig geheilt. Nehmen Sie meine ergebensten und dankbaren Grüße entgegen. Frau Lengrenage, Tagelöhnerin in Précigny-les-Balayettes".

Heute rieseln einem die Gymnopédies, diese sardonischen Grüße in die musikalische Zukunft, aus der TV-Werbung einer Versicherung entgegen, die eine Kleinfamilie zuverlässig gegen die Gefahren einer Meeresbrandung wappnen will. Satie hätte diese Szene fraglos genossen: Musik als Tarnkappe, unter der einen das Leben leichter und angenehmer anschaut.

Erik Satie: Klavierwerke; Anne Queffélec; Virgin Classics