Nie zuvor war eine europäische Großmacht so rasch und kläglich zusammengebrochen wie Preußen nach der vernichtenden Niederlage seines ruhmreichen Heeres am 14.Oktober 1806 bei Jena und Auerstedt. Festung um Festung ergab sich den Truppen Napoleons - am 27. Oktober zog der Kaiser der Franzosen in Berlin ein. Preußens König Friedrich Wilhelm III. floh indessen mit seinem Hof, zunächst nach Königsberg, dann nach Memel, in den hintersten Winkel seines Reiches. Respektlos sangen die Berliner Gassenjungen: "Unser Dämel sitzt in Memel."

Noch war der Waffenstillstand nicht geschlossen. Der Zar versuchte seinem Schützling zu Hilfe zu kommen. Doch die Schlacht russisch-preußischer Truppen gegen Napoleons Armee bei Preußisch-Eylau am 7. und 8. Februar 1807 endete in einem blutigen Remis.

Nur drei bedeutendere Festungen wurden jetzt, im Frühjahr 1807, von den preußischen Truppen noch gehalten: Danzig, Graudenz und Kolberg.

Der Widerstand Kolbergs aber, militärisch eindrucksvoll, politisch sinnlos, sollte zum Mythos werden von der borussischen Geschichtsschreibung zum einsamen Triumph über den Erzfeind verklärt, von den Nazis in ihrem Untergang zum glorreichen Beispiel des totalen Krieges zurechtgebogen. Bis heute, da der Ort an der pommerschen Ostseeküste längst zu Polen gehört, ist das Ereignis unvergessen.

Begonnen hatte es ganz unspektakulär. Am 8. November 1806 war ein französischer Offizier nach Kolberg gereist und hatte die Übergabe der Festung verlangt, vergebens. Mitte Februar 1807 dann setzte sich auf Napoleons Befehl von Stettin aus eine französisch-italienische Division in Marsch. Anfang März wurde das 5000 Einwohner zählende Städtchen eingeschlossen, freilich noch nicht regelrecht belagert.

Die Festungsanlagen waren bei Kriegsbeginn in schlechtem Zustand gewesen. Die Kanonen lagen ohne Lafetten am Boden, hoch von Gras überwachsen. Die Palisaden waren verfallen. Der Kommandant, der greise Oberst Ludwig Moritz von Loucadou, galt als Pedant alter Schule. Bis zum März wurde alles nach und nach in den Verteidigungszustand versetzt. Das jedoch war vor allem das Verdienst zweier hitzköpfiger Patrioten: Joachim Nettelbecks und Ferdinand von Schills.

Der 68-jährige Nettelbeck war der Wortführer der Bürger von Kolberg.

Er hatte ein bewegtes Leben hinter sich, war viele Jahre zur See gefahren, zeitweise als Sklavenhändler, hatte Schiffbrüche und Meutereien überstanden. Seit 1774 lebte der Kapitän wieder in seiner Vaterstadt, nunmehr als Schnapsbrenner: ein mutiger, tatkräftiger Mann, der sich von niemandem einschüchtern ließ. In jungen Jahren hatte er die Belagerung Kolbergs durch russische Truppen erlebt, vom damaligen Festungskommandanten Oberst von Heyden als Meldegänger eingesetzt. Nettelbeck liebte seine Vaterstadt, und der Gedanke, sie könnte wie andere preußische Festungsstädte dem Feind ausgeliefert werden, war ihm unerträglich.

"...sollten auch all unsre Häuser zu Schutthaufen werden!"

Einen energischen Mitstreiter hatte er in dem 38 Jahre jüngeren Dragonerleutnant (und späteren Rittmeister) Ferdinand von Schill. Der war bei Auerstedt verwundet worden und hatte sich Anfang November nach Kolberg durchgeschlagen. Schill bildete mit einer Vollmacht des Königs ein Freikorps und unternahm tollkühne Überfälle auf französische Truppen. Mit dem ewig zaudernden Loucadou stand Schill auf schlechtem Fuß.