Wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel morgens mit ihren Vertrauten in einem Eckzimmer des Kanzleramtes über die Herausforderungen des anbrechenden Tages berät, ist sie von Demografieexperten umgeben. Kanzleramtsleiter Thomas de Maizière gehört dazu, Planungsstabschef Matthias Graf von Kielmannsegg, Merkels Büroleiterin Beate Baumann und ihre Staatsministerin Hildegard Müller, die aber ihr Amt seit der Geburt ihrer Tochter ein Zeit lang ruhen lässt.

Sie sind nicht etwa Statistik- oder Rentenfachleute – dafür aber Politiker, die in ihrer Laufbahn allesamt zu irgendeinem Zeitpunkt von Kurt Biedenkopf geprägt oder zumindest inspiriert wurden. Der 77-jährige Biedenkopf wiederum war nicht nur CDU-Generalsekretär und sächsischer Ministerpräsident, er war vor allem während seiner gesamten Karriere leidenschaftlicher Demografiepolitiker, und das immer, bei jeder Debatte, bei jeder Entscheidung. Wenn Biedenkopf Bahn fährt, referiert er darüber, ob die Eingangsschwellen des ICE für die alternde Gesellschaft geeignet sind. Wenn er nach Israel reist, erläutert er, warum außenpolitische Konflikte durch Geburtenraten entschieden werden. Biedenkopf hat den problematischen Doppeltrend aus Geburtenmangel und Alterung zu seinem Thema gemacht und keinen Gesprächspartner jemals damit verschont.

Das wirkt bis heute nach: Zwar ist die innenpolitische Gesamtbilanz der schwarz-roten Koalition schwach und der Reformeifer gering, doch bei Demografiethemen zeigt die Merkel-Regierung Mut. Rente ab 67, Elterngeld, Vätermonate und nun auch noch zusätzliche Mittel für Kinderkrippen: Die schwarz-rote Koalition wagt mehr, als Union und SPD jeweils im Wahlkampf angekündigt hatten. Nicht einmal die CDU traute sich, die Rente ab 67 ins Wahlprogramm zu schreiben, inzwischen steht sie im Gesetz. Und die SPD warb zwar dafür, ein neues, vom Einkommen abhängiges Elterngeld für zwölf Monate zu zahlen – aber nicht für den Plan, gezielt junge Väter an die Wickeltische zu locken. Das verkündete erst die neue Kanzlerin in ihrer Regierungserklärung.

All dies ist überraschend; die Rente ab 67 hat die Parteien Sympathien gekostet. Der Ausbau der Betreuung, auf den sich Union und SPD demnächst womöglich einigen, kostet viel Geld. Um dieses Geld bewerben sich auch Klima- und Verteidigungspolitiker mit guten Argumenten. Doch Deutschland wird von Demografiepolitikern regiert, assistiert vom einem Bundespräsidenten, der den demografischen Wandel mit vielerlei Veranstaltungen thematisiert. Vielleicht wird man die Regierung dafür in Erinnerung behalten – und darüber staunen, dass sich ausgerechnet das Kabinett der bislang jüngsten Kanzlerin nicht nur für Familien-, sondern auch für Altersthemen besonders interessiert.

Eine Erklärung für dieses bemerkenswerte Phänomen lautet, dass momentan besonders viele Generalisten regieren: Die ehemaligen Parteichefs Franz Müntefering und Wolfgang Schäuble führen die Ressorts für Arbeit und Inneres, die Ex-Ministerpräsidenten Peer Steinbrück und Sigmar Gabriel die Ministerien für Finanzen und für Umwelt, der frühere Kanzleramtschef Frank-Walter Steinmeier das Auswärtige Amt. Sie alle sind geschult im ressortübergreifenden Denken, was bei der Bewältigung von Querschnittsaufgaben hilft.

Früher fühlten sich für das Thema Demografie ausschließlich Rentenpolitiker zuständig, später entdeckten die Haushälter das Thema Generationengerechtigkeit. Inzwischen redet Vizekanzler Müntefering ständig von den Herausforderungen, die Personalabteilungen, Stadtplaner und Gesundheitswirtschaft erwarten, wenn die Gesellschaft altert. Forschungsministerin Annette Schavan, geprägt durch vergangene Reform- und Programmdebatten ihrer Partei, kündigte gleich nach dem Amtsantritt deutlich mehr Geld für die Alzheimer-Forschung an. In den USA ist das zentrale Anliegen der Babyboomer: Über die Lebensqualität der Alten von morgen entscheide nicht nur die Ausstattung von Pflegeheimen, sondern auch der Fortschritt der Alzheimer-Therapie. Der Planungsstab des Auswärtigen Amtes führte gerade mit der Robert-Bosch-Stiftung einen Workshop zur Demografie und Außenpolitik durch.