So ziemlich alles sprach gegen Roger Buergel. Er hatte keine Erfahrung mit großen Ausstellungen, hatte auch kein Museum, keinen Kunstverein geleitet. Er hatte noch nicht mal eine klare Vorstellung von dem, was er auf der Documenta zeigen wollte. "Vermutlich deshalb entschied sich die Jury am Ende für mich", sagt Buergel und lächelt sein sibyllinisches Lächeln. "Als einziger Kandidat habe ich in den Bewerbungsgesprächen keine Künstlernamen genannt. Das hat sie überzeugt."

Nun sind es nur noch neun Wochen bis zur Eröffnung der Documenta 12, doch noch immer ist ihr Leiter überzeugend nebulös. Details werden nicht verraten, auch eine Liste der eingeladenen Künstler hat er bislang nicht vorgelegt. Nur ab und an dringt ein Name durch. Der von Ai Wai Wai zum Beispiel, der 1001 seiner chinesischen Landsleute nach Kassel reisen lässt. Oder der von Sanja Iveković, die mitten auf dem Friedrichsplatz ein Mohnfeld anlegt. Das wird dann in den Zeitungen als Sensation gefeiert. Dabei ist die eigentliche Sensation eine ganz andere: Wenn alles gut geht, wird die Documenta 12 ein historischer Wendepunkt. Sie wird die Kunstwelt verändern. Eine Ausstellungsrevolution, Beginn 16.Juni.

1. Kunst darf wieder Kunst sein

Die letzten beiden Documenta-Schauen waren eher Studierzimmer als Ausstellungen. Sie produzierten dickleibige Theoriebände und weckten in vielen Besuchern das mulmige Gefühl, sie müssten erst drei Semester lang poststrukturalistische Philosophie studieren, um der Gegenwartskunst überhaupt würdig zu sein. Roger Buergel und seine Frau Ruth Noack, die gemeinsam die Documenta 12 leiten, verzichten auf derlei Einschüchterungsgesten. "Wir wollen die Besucher nicht zutexten", sagen sie. "Wir vertrauen der Kunst."

Ihr Katalog wird schmal sein, eine Art Kurzführer. Und sie ergänzen ihn um einen üppigen Band, in dem es nichts geben wird als Fotos. Buergel und Noack wollen allein visuell vorführen, worum es ihnen mit ihrer Ausstellung geht. Nur auf das Zusammenspiel der Formen soll es ankommen, darauf, was die Kunstwerke einander zu erzählen haben. "Das wird ein Schock", sagt Buergel.

Ein Schock deshalb, weil gegenwärtig zwar viel von Kunst die Rede ist, doch fast immer die Künstler im Mittelpunkt stehen, ihre Absichten und Erlebnisse. Oder aber die horrenden Marktpreise, die Trendgeschichten oder sonstige Nebensächlichkeiten. Buergel und Noack wehren sich gegen die Banalisierung. Sie verstehen sich nicht als Trendmelder, Avantgardekämpfer, Herolde des Neuen. Auch wollen sie keine möglichst fremden Künstler aus möglichst fernen Erdenwinkeln heranschaffen, selbst wenn das auf vielen Großausstellungen heute so üblich ist.

Das heißt allerdings nicht, sie würden sich der Welt verschließen. Kreuz und quer sind sie über die Kontinente gereist, immer in der Hoffnung, etwas zu finden, das sie nicht suchten. "Das wäre ja fürchterlich langweilig gewesen, nur einzusammeln, was einem ins Konzept passt", sagt Buergel. "Wir waren Idioten im ursprünglichen Sinn. Wir wollten uns bilden." Rasch wurde ihnen klar, wie wenig sie wussten, wie unendlich provinziell Europa ist. "Wo man auch hinkommt, überall wissen die Menschen mehr über uns als wir über sie. Eigentlich müsste uns die Documenta unsere geballte Ignoranz vor Augen führen." Doch wie sollte das gehen?

Viele Kunstwerke mögen in ihrer Heimat kraftvoll wirken. Sobald man sie aber in ein westliches Museum schafft, erscheinen sie nicht selten als purer Ethnokitsch. Dieser Falle wollten Buergel und Noack entgehen. Um nicht nach großen Namen fahnden zu müssen und auch nicht nach landestypischen Merkmalen, besannen sie sich auf das, was Kunst im Kern ausmacht: auf ihre Formen. Auf die unendlichen Spielarten der Kalligrafie zum Beispiel. Und auf die Frage, wie sich diese Formen fortpflanzen, wie sie Grenzen überspringen und noch die unterschiedlichsten Kulturen für sich einnehmen. Es dauerte nicht lange, da verschwammen die Grenzen, zwischen den Kontinenten wie zwischen den Zeiten.

2. Auch alte Kunst ist aktuelle Kunst

"Irgendwann ertappte ich mich dabei, dass mich die alten Tempel mehr interessierten als die Künstlerateliers und Kunstmuseen", erzählt Buergel. Sich nur auf der dünnen Kruste der Gegenwart zu bewegen kommt ihm seltsam beschränkt vor. Und so wird die Documenta 12 die erste sein, die ganz ungeniert weit zurückgreift in die Geschichte. Sie bricht mit dem Dogma der Innovation, sie will keine Ausstellung sein, in der sich die Gegenwart nur selbst bespiegelt. "Warum sollte es darauf ankommen, wann ein Kunstwerk entstanden ist? Wichtig ist doch nur, dass es uns heute aktuell erscheint." Das älteste Bild, das nun in Kassel gezeigt wird, stammt aus dem 14. Jahrhundert, eine persische Miniatur aus den Archiven der Berliner Museen, Künstler unbekannt. Eine Landschaft ist darauf zu sehen, was ungewöhnlich genug ist, denn Berge oder Bäume dienten den Künstlern jener Zeit meist nur als Staffage. Vor allem faszinieren Buergel aber die Formen. "Der Künstler war von Persien aus nach China gereist, und das zeigt sich auf dem Bild auch: Der Fluss und die Felsen sind in ihren geschwungenen Linien chinesisch, der Künstler hat sie hineinmontiert in seine persische Landschaft." Buergel nennt es die "Migration der Form".

3. Auf das Sehen kommt es an

In Kassel wird der Besucher viele solcher Migrationen zu Gesicht bekommen. Ähnlich wie Buergel und Noack kann er in stilkundlicher Manier beobachten, wie die Formen der Gegenwart zu dem wurden, was sie heute sind. Das Sehen soll eine Lust sein, so wünschen es sich die beiden Documenta-Macher. Doch Arbeit sei es auch, das schieben sie gleich hinterher. Es soll nicht ums Schwelgen gehen, sondern ums Studieren und Vergleichen, um das Aufspüren von möglichen Zusammenhängen, ums Zweifeln und Räsonieren, auch um das Ertragen, wenn die Kunst sich nicht erschließen lassen will. "Am liebsten ist es uns", sagt Buergel, "wenn die Besucher in die Ausstellung gehen und so lange wie möglich nichts sagen."

Wo sonst auf Großausstellungen arges Geschiebe herrscht und die Besucher möglichst rasch abgefertigt werden, soll auf der Documenta 12 wieder die ästhetische Erfahrung im Mittelpunkt stehen. Damit der Besucher genug Ruhe und Raum findet für die Kunstbetrachtung, haben Buergel und Noack sogar ein neues Gebäude errichten lassen, ein riesiges, klimatisiertes Gewächshaus, in dem es hier und da Palmeninseln geben wird, zum Ausruhen und für den Meinungsaustausch. Ihre Ausstellung soll ein Laboratorium sein, in dem nichts Geringeres entstehen soll als eine neue "Ethik des Miteinanders".

4. Die Kunst soll wieder bilden

Doch antiautoritäre Konversation ist nur das eine. Das andere ist die ästhetische Erziehung. Auf der Documenta 12 gilt das Sowohl-als-auch-Prinzip. Zwar soll der Betrachter sich unbehelligt von allen Belehrungen der Kunst widmen können. Aber gleichzeitig ist die Ausstellung Bildungsmission. Wenn auf der vorigen Documenta von Wissensproduktion die Rede war, drohte die Kunst oft hinter dem politischen Aufklärungsdrang zu verschwinden. Für Buergel und Noack ein Fehler. "Es geht nicht darum, die Leute mit Wissen vollzustopfen", sagt Buergel. "Aber Kunst existiert nicht abgetrennt von der Gesellschaft. Wer sich mit der Herkunft der Formen beschäftigt, will auch wissen, warum sie wann entstanden sind und was sie bedeuten."

5. Die Documenta entdeckt ihre Ursprünge

Am liebsten wäre es Buergel und Noack, die Besucher würden sich untereinander austauschen über das, was sie beobachtet und erfahren haben. Damit das besser gelingt, werden gerade einige Dutzend Vermittler geschult. Und es gibt drei Leitfragen, damit die Kunst nicht völlig im beziehungslosen Raum hängt. Erstens: Ist die Moderne unsere Antike? Zweitens: Was ist das bloße Leben, mit Agamben gesprochen: das all seiner kulturellen Bestimmungen entkleidete Leben? Drittens, und nun mit Lenin gesprochen: Was tun?

Das soll heißen: Was ist von den Idealen der Aufklärung noch übrig? Was gelten heute Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit? Für Buergel und Noack sind das keine aufgesetzten Fragen, sie ergeben sich fast zwingend aus dem, was Kassel war und ist. Anders als viele ihrer Vorgänger wollen sie die Documenta nicht neu erfinden. Sie suchen nach ihren Wurzeln – und finden sie im Jahr 1779. Damals wurde das Fridericianum eingeweiht, der weltweit erste Bau, der als Museum geplant und errichtet wurde. Ein Haus der Aufklärung sollte es werden, werbend für das Gute im Menschen, finanziert allerdings durch den Verkauf von Söldnern nach Übersee. Schon in ihren Anfängen hatte die Moderne eine Nachtseite.

Die Documenta-Macher jedenfalls sehen das Fridricianum, das nach dem Zweiten Weltkrieg nur noch Ruine war, als ambivalentes Symbol: einerseits der Aufklärung, andererseits eines Totalitarismus, der alles unter sich begrub. Die Ruine des Fridericianums als Emblem nicht nur für das Versagen des Bildungsbürgertums, sondern einer totalen "deutschen Bildungskatastrophe". Und ausgerechnet hier nahm die Documenta ihren Anfang, eingerichtet von Arnold Bode als Begleitveranstaltung einer großen Gartenschau. Für diese Tradition des Neubeginns, diesen abermaligen Gegenentwurf können sich Buergel und Noack begeistern, nicht zufällig erinnert ihr Gewächshaus an die Gartenschau-Ursprünge. Für sie hat Bode mit seiner Documenta eine neue Öffentlichkeit begründet, auf der "bodenlosen Grundlage ästhetischer Erfahrung".

Mag die Moderne auch gescheitert sein, weil sie alle Menschen gleichmachen und überall dieselben Normen durchsetzen wollte – vom Universalismus mögen sich Buergel und Noack nicht verabschieden. Ihre Documenta soll danach fragen, ob es nicht doch so etwas geben kann wie ein "Wertesystem, das tatsächlich für alle Leute, die auf der Welt leben, verbindlich ist".

6. Die Ausstellung schlägt Wurzeln

Damit das keine hohlen Worte bleiben, wird die Documenta hinausgeschickt in die raue Wirklichkeit. Auch das ist ungewöhnlich. Die meisten Großausstellungen bleiben in sicherer Distanz. Viele Kuratoren kennen die Städte, in denen sie ihre Kunstschauen organisieren, nur vom Durchfahren. Auch die meisten Documenta-Leiter waren da nicht besser: Sie hassten Kassel und schmähten es als finstere Provinz. Buergel und Noack sind vor gut zwei Jahren hierher gezogen. Auch wenn es ihnen schwerfiel, ihr geliebtes Wien zu verlassen – sie wollten nicht, dass ihre Documenta ein Ufo wird.

Sie gründeten einen Bürgerbeirat und beriefen Leute, die ihnen dabei halfen, Kassel besser kennenzulernen, den Charakter der Menschen, ihre Geschichte. Rasch wuchs ein dichtes Netz aus Helfern und Unterstützern, es entstanden Kontakte zur islamischen Gemeinde ebenso wie zu Arbeitslosenvereinen. Dort dachten manche, als die Documenta-Leute aufkreuzten, sie sollten wohl als Aufseher gedungen werden, für einen Euro die Stunde. Doch spätestens als sie von den Leitfragen hörten, begannen angeregte Diskussionen. Vor allem die zweite Frage verfing: Was ist das bloße Leben? Soll heißen: Wo beginnt ein würdevolles Dasein? "Wir leben in schadenverursachenden Gesellschaften", sagt Buergel. "Es muss darum gehen, die Leute aus ihrer Lethargie zu holen."

Während der Documenta werden einige Arbeitslose einen Arbeitslosen-Salon organisieren. Ein Bildungszelt wird es geben, in dem es um das Thema Migration gehen soll. Einige wilde Aktionen, um Kassels Autoschneisen für den Fußgänger zurückzuerobern, sind ebenfalls geplant. Das hohe Ziel von Buergel und Noack lautet: Die Menschen sollen sich nicht länger als Opfer fühlen, sondern als "Teil einer potenziell planetarischen Gesellschaft". Das ist ihre Antwort auf Leitfrage Nummer drei: Was tun?

7. Scheitern ist nicht ausgeschlossen

Nur: Wie soll das alles zusammengehen? Wie lässt sich ästhetischer Eigensinn mit ethischer Bildung vereinbaren, wie historische Rückbesinnung mit dem politischen Gegenwartshandeln, wie globaler Fernblick mit lokaler Nahbetrachtung? Die Gefahr, dass aus dem ehrgeizigen Sowohl-als-auch der Documenta 12 am Ende ein flaues Weder-noch wird, ist nicht gerade gering. Doch auch das hat diese Documenta vielen anderen Großausstellungen voraus: Sie setzt nicht auf das Erwartbare, weder auf die kontrollierende Didaktik der vorigen Documenta noch auf den schönheitsseligen Populismus der Berliner MoMA-Ausstellung. Sie bleibt unberechenbar, voller Wagnisse.

Eines dieser Wagnisse heißt Dmitrij Gutow, ein bekannter Künstler aus Moskau. Er wird im Gewächshaus der Documenta einen langen, hohen Zaun aus verwittertem Metall und verknoteten Drähten aufbauen. Dabei denkt man natürlich als Erstes an den Eisernen Vorhang. Doch das meint Gutow nicht. Seine metallenen Gespinste beziehen sich auf ein Manuskript von Karl Marx, das er mit seltsamen Fratzen überzog. Und er denkt auch an die Kleingärten rund um Moskau, eingefriedet von selbst gebauten Zäunen aus Planken und rostigen Matratzenfedern. Und drittens an Kalligrafie, für die er sich mindestens so sehr interessiert wie für den Marxismus. In seiner Kunst durchdringen sich fernöstliche Formen und nahwestliche Gedankengebilde ganz ähnlich wie auf der persischen Miniatur des 14. Jahrhunderts. Doch wird der Documenta-Besucher erkennen, was Gutow bei seiner Installation vor Augen hatte?

Jedenfalls beginnt im Juni eine windungsreiche Bildungsreise. Viele dialektische Haarnadelkurven warten auf den Betrachter, Panoramastrecken der Schönheit und Tunnel des Unverständlichen. "Vielleicht wird es sein wie auf einer Heimfahrt von Ferran Adrià", sagt Buergel und erzählt von dem experimentierlustigen katalanischen Koch, der auch zur Documenta 12 eingeladen wurde. "Er hat sein Restaurant hoch in den Bergen. Am Ende des Abends ist man voll der wundersamsten Speisen und schön angetrunken. Dann muss man mit dem Auto die rasend steilen Serpentinen hinunter und weiß nicht, ob man jemals heil ankommen wird." So soll sie sein, die Documenta 12: beglückend und gefährdend, befriedend und bedrohend – eine dialektische Sensation.

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