Eine Kinderrunde. Jeder bekommt ein kleines Geschenk. Yeah! Super! Doch dann verdunkeln sich die Mienen der Kleinen vor Enttäuschung oder Zorn. Denn jedes Kind hält zwar ein nettes Präsent in Händen, aber Patrick nebenan oder Julia da hinten haben etwas Schöneres bekommen. Und je länger die zu kurz Gekommenen darüber nachdenken, je fester Patrick und Julia ihre Geschenke umarmen, desto unfairer scheint das Ganze. Protest! Lasst uns teilen!

Kinder sind kleine Menschen – und kaum anders als große Menschen. Wir mögen es nicht, wenn Ungleichheit entsteht, vor allem nicht zu unseren Lasten. Und wir sind bereit, etwas dagegen zu unternehmen.

Die meisten Menschen lassen es sich sogar einiges kosten, gemeinschaftsfeindliches Verhalten zu bestrafen, auch wenn sie sich von ihrem Einsatz keinen direkten Vorteil erwarten können. Die Frage ist, woher die tiefe Abneigung gegen das Ungleiche rührt. Wollen wir die anderen lehren, im Sinne der Gruppe zu handeln? Oder ist uns schlicht an Gleichheit gelegen, egal, was da komme?

Letzteres, sagen fünf Forscher, die diese Woche im Fachmagazin Nature ihre jüngsten Experimente veröffentlichen. In den Versuchsgruppen bekamen die einzelnen Mitglieder unterschiedlich viel Geld geschenkt. Unter eigenen Opfern konnten sie dafür sorgen, dass jemand mehr bekam oder jemand anderem etwas abgenommen wurde. Sie konnten also die Verteilung korrigieren, einfach so, ohne einen Gedanken an kooperatives Verhalten. Und siehe da: Die Gruppenmitglieder sorgten vor allem dafür, dass die "Topverdiener" weniger erhielten und die "Niedriglöhner" etwas dazubekamen.

Ihr gleichheitsförderndes Verhalten hatte durchaus emotionale Motive. Drei Viertel der Mitspieler waren verärgert über die Unfairness der Situation oder auch zornig auf die Topverdiener. Je größer die Ungleichheit, desto höher wogten die negativen Gefühle. Und die Verärgerten taten auch mehr, um die Situation zu verändern.

Warum hat die Evolution die meisten von uns mit diesen Emotionen ausgestattet? Vermutlich, um lebensrettende Gemeinschaften zusammenzuhalten. Darunter hat heute ein Josef Ackermann zu leiden, der 2006 mehr als 13 Millionen Euro bei der Deutschen Bank kassierte. Oder ein Klaus Kleinfeld, der kräftig Jobs ab- und sein Gehalt aufbaut. Da sind wir aber auch schon an der Grenze des Experiments: Die Versuchspersonen wollen keineswegs alle Ungleichheiten einebnen. Im Labor kam das Geld aus den Wolken, ohne Gegenleistung des Empfängers also. Und da kamen die gleichen Gefühle hoch wie bei den beschenkten Kindern. Wer aber mehr Geld nach den allgemeinen Maßstäben der Fairness wirklich zu verdienen scheint, dem wird es in der Regel auch gegönnt.

Der Kapitalismus ist also nicht in Gefahr. Wohl aber jede Art von Selbstbedienung oder Ausnutzung kurzfristiger Machtverhältnisse. Und das ist die gute Nachricht: Die Gefühle sind nicht blind. Uwe Jean Heuser

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