Jetzt ist sie sogar ins Visier der Polizei geraten. Die französische Krimiautorin, die seit Jahren für die Freiheit des italienischen Kollegen und ehemaligen Linksradikalen Cesare Battisti getrommelt hat, soll für die Unterstützung des jüngst in Brasilien festgenommenen Justizflüchtlings haftbar gemacht werden. Kaum vorstellbar, dass die streitbare politische Publizistin, deren aufgebauschte cause criminelle den Vorwahlkampfscharmützeln zwischen Ségolène Royal und Nicolas Sarkozy eine weitere Pikanterie hinzufügt, dieselbe sein soll, aus deren Feder ein so poetischer Kriminalroman wie Die dritte Jungfrau (aus dem Französischen von Julia Schoch; Aufbau, Berlin 2007; 480 S., 19,95 €) stammt.

Und doch wahr. Fred Vargas spielt viele Rollen, zu viele fast für eine Person. Als Autorin von wissenschaftlichen Fachbüchern über Lederbearbeitung, Haustierzucht und die Pest ist Frédérique Audoin-Rouzeau, so ihr bürgerlicher Name, nur in der wahrhaft winzigen Gilde der Mittelalterspezialisten und –archäologen bekannt. Die studierte Zoologin und Archäologin arbeitete bis vor drei Jahren am Pariser Centre National des Recherches Scientifiques. Seitdem ist der Neben- immer mehr zum Hauptberuf geworden. Als Fred Vargas – den Nachnamen des Pseudonyms teilt sie mit ihrer Zwillingsschwester Jo, einer Malerin – schreibt sie seit Mitte der achtziger Jahre Kriminalromane. Und als citoyenne engangiert sich Vargas nicht nur in der Menschenrechtssache Battisti. 2006 hat die Pestforscherin auch ein Cape zum Schutz der Bevölkerung vor einer möglichen Vogelgrippe-Pandemie erfunden. Denn sie weiß aus der Geschichte, dass die Wirklichkeit weitaus schlimmer sein wird, als es der Titel ihres Kriminalromans Fliehe weit und schnell über eine vorgetäuschte Pestbedrohung nahelegt.

Vargas’ wissenschaftliche Spezialkenntnisse geben auch der Dritten Jungfrau einen geradezu irrwitzigen Dreh. Ausgangspunkt der Ermittlungen sind zwei Dealer mit durchgeschnittener Kehle. Die Drogenfahndung will den Fall an sich ziehen, doch Kommissar Adamsberg ahnt etwas und wehrt sich. Seine Intuition ist untrüglich: Die Erde unter den Fingernägeln der Toten und die Kieselsteinchen in den Ritzen ihrer Stiefelsohlen kommen auf dem Flohmarkt, dem Arbeitsplatz der Dealer, nicht vor. Beide Spuren stammen vom Friedhof Montrouge am entgegengesetzten Ende von Paris. Das war kein Revierstreit unter Dealern.

Auf dem Friedhof setzt die Erzählung ein. Einerseits ist es eine ganz und gar klassische Detektivgeschichte, in der nicht ein Fädchen lose, am Ende nicht eine Spur ungedeutet bleibt. Von den toten Dealern geht es schnurstracks in Gefilde, die eher aus Sagen und Märchen bekannt sind: Jungfrauen werden erschlagen, in der Normandie werden kapitalen Hirschen die Herzen herausgerissen, in Adamsbergs Haus taucht ein Gespenst auf, das sich schon bald in anderer Gestalt als gespaltene Persönlichkeit und potenzielle Mörderin verdächtig macht. Und die Ermittler: Da ist einmal der furchtlose Adamsberg, die Fleischwerdung kriminalistischer Intuition. Zum anderen meldet ein Rivale, der sich an Adamsberg rächen will, seinen Revierplatz an: Lieutenant Veyrenc bezaubert die Kollegen und Camille, die Mutter von Adamsbergs Sohn, ein Pyrenäenspross, der in Alexandrinern redet wie Racine. Die Einzige, die sich nicht von falschen Spuren täuschen lässt, ist Lieutenant Retancourt, eine Frau wie eine Säule, deren Metabolismus auch dem stärksten Gift widersteht. Und worum geht das alles? Um einen kleinen Knochen im Herzen der Hirschen – und um das ewige Leben. Denn nichts ist schlimmer als das Alter. Und ihre Kriminalromane sind, laut Vargas, Erzählungen von der Überwindung der Angst. Nie ist ihr das fantastischer gelungen. Tobias Gohlis