Jetzt gehören sogar die Experten des Internationalen Währungsfonds zu den Optimisten. Die deutsche Wirtschaft, glauben sie, werde dieses Jahr um 1,8 Prozent wachsen und danach noch ein bisschen schneller. In der Vergangenheit ließen die Washingtoner Volkswirte kein gutes Haar an Deutschland. Das sei jetzt wieder eine "Konjunkturlokomotive", kommentierte auch das Berliner Finanzministerium. Der "Kurs der Regierung" sei bestätigt.

Eine schöne Nachricht, vereinnahmt von den falschen Leuten. Nichts mit dem Aufschwung zu tun haben: die Berliner Haushaltskonsolidierung (es gab keine) und die Hartz-Reformen am Arbeitsmarkt (wirken nicht so schnell). Einiges damit zu tun hat: die Lohnzurückhaltung der vergangenen Jahre. Die Ökonomen am Kieler Institut für Weltwirtschaft pochen darauf in diesen Tagen besonders, denn sie hatten immer schon Lohnsenkungen gefordert. Bloß ist sind sie kein Rezept für die nächsten Jahre.

Hauptverantwortlich für unseren Aufschwung: die große weite Welt. Seit 2003 hat die globale Konjunktur wieder kräftig angezogen, der Handel noch kräftiger, und davon hat beim Exportweltmeister Deutschland endlich die Gesamtwirtschaft profitiert. Die Investitionen ziehen mit, und die Deutschen geben auch privat wieder mehr aus. Unternehmern – auch solchen aus unserem Mittelstand – ist es gelungen, Chancen der Globalisierung wahrzunehmen. Sie haben Marktnischen in den USA und in Schwellenländern erobert, haben das Know-how und die Kostenvorteile in anderen Ländern zu nutzen gewusst. Unterm Strich war es ein gutes Geschäft für die Volkswirtschaft, sonst hätten wir ja keinen Aufschwung.

Doch statt nun den Aufschwung zu loben oder auf alte Weisheiten zu pochen, sollten wir uns mit einer wichtigen Frage beschäftigen: Warum kam der Aufschwung mit solcher Zeitverzögerung – viel später als in den USA und in Großbritannien? War es die Makroökonomie? Sicher hat die vergleichsweise restriktive Geld- und Fiskalpolitik in Europa das Investieren erschwert. Wo weniger investiert wird, bleibt zudem die Innovation zurück.

War es die Mikroökonomie? Das Bildungssystem ist unterfinanziert, bietet zu wenig Durchlässigkeit, veranlasst zu wenige Hochqualifizierte, in die Wirtschaft zu gehen. Eine Einwanderungspolitik für qualifizierte Ausländer gibt es de facto auch nicht. Viele Branchen, gerade auch die Exportstars, klagen schon über Fachkräftemangel. Das alles drängt.

Wenn sich die hiesigen Unternehmen und Arbeitskräfte künftig nicht noch erfolgreicher in den Weltmarkt eingliedern, bleibt das Land keine "Lokomotive" der Weltkonjunktur. Dann wird es schnell wieder zum fünften Rad am Waggon.

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