Nach Bob-Dylan-Konzerten ist es immer eine Frage, ob der Sänger wohl diesmal gelächelt habe. Auch der Schriftsteller Peter Handke, der Dylan manchmal zitiert, ist nicht gerade als Lächler berühmt. Wie um das zu unterstreichen, trägt er, als er an diesem sonnigen Ostersonntagmorgen vor dem Kirchlein des Hl. Stefan erscheint, einer der zwölf Dorfkirchen von Velika Hoča im tiefsten Kosovo, unweit der albanischen Grenze, einen winzigen, quadratischen schwarzen Button auf dem Jackett seines dunklen Anzugs: "In mir ist nichts freundlich." Ein klarer, wenn auch dylanesk zergrübelter Fall von Selbstironie.

Wir befinden uns im "Neunten Land". Literarisch gesprochen, in Peter Handkes Sprache. Politgeografisch gesagt, befinden wir uns in einer der letzten verbliebenen serbischen Enklaven des Kosovos, und Handke ist gekommen, um den 700 Bewohnern des Weindorfes Velika Hoča 50000 Euro zu schenken.

Die für kosovarische Verhältnisse fürstliche Summe ist das Preisgeld, das ihm die Jury des neu gestifteten Berliner Heinrich-Heine-Preises zuerkannt hat. Der war aus Protest gegen den renommierteren Düsseldorfer Heine-Preis ins Leben gerufen worden, nachdem Düsseldorfer Lokalpolitiker gegen die Vergabe ihres Preises an Handke interveniert hatten. Was seinerseits aus Protest geschehen war: nämlich gegen Handkes Parteinahme für das übel beleumundete Serbien in den jugoslawischen Sezessionskriegen und zumal gegen seinen Auftritt am Grabe des Präsidenten Slobodan Milošević, der im Gefängnis von Den Haag gestorben war – ein mutmaßlicher Kriegsverbrecher nach allgemeiner Ansicht im Westen.

Bevor es aber zum Höhepunkt der österlichen Reise des Dichters, der Geldübergabe, kommen kann, ist am Flughafen von Prishtina ein taktisches Problem zu lösen. Eben ist Peter Handke mit seiner Tochter und einer kleinen Freundesschar gelandet. Weitere, serbische Freunde und Journalisten erwarten ihn. Und ein Bus aus Belgrad in den serbischen Farben. Und serbische Polizei.

Der Polizeijeep soll die Gruppe nach Velika Hoča eskortieren, durch rein albanisches Gebiet, auch durch Malisheve, eine Hochburg der aufgelösten albanischen Untergrundarmee UÇK. Noch vor wenigen Jahren hätte ein Bus aus Belgrad dort Steinwürfe gewärtigen müssen. Auch wenn das nicht mehr zu erwarten ist – in welch prekärem Staatsgebilde man hier gelandet ist, deuten allein schon die Kürzel seiner vielen bewaffneten und unbewaffneten Helfer an, die auf Nato-Blau an einem Info-Container am Flugplatz stehen: Unmik. KFor. Civpol. EU. OSCE. VIP Service.

Ein Bus also, demonstrativ in den serbischen Nationalfarben lackiert, soll man da einsteigen? Das Wort "Provokation" fällt. Man entschließt sich, in Mietautos in die Enklave zu fahren. Gut, dass Claus Peymann dabei ist. Dem Direktor des Berliner Ensembles fällt bei diesem Ausflug die Rolle des überlegen ordnenden Reisemarschalls wie von selbst zu. Und wenn nicht alles täuscht, genießt er sie. Peymann organisiert die Hinfahrt, Peymann wird die Rückfahrt organisieren. Wann immer ein Problem auftaucht, ist er zur Stelle. Einmal, als die Gruppe bei einem KFor-Posten halten muss und sich herausstellt, dass der Offizier ein Österreicher ist, übernimmt er gleich die Verhandlung und meldet: "Zweiundzwanzig Mann im Bus!" Zu Handke ruft er lachend hinüber: "Peter, bei den KFor-Soldaten hab ich eine gute Basis. Da zählt Burgtheater mehr als Literatur." Handke: "Wenn du meinst."

Zur österlichen Reisegesellschaft gehören ferner der Schauspieler Rolf Becker, die betagte Schauspielerin Käthe Reichel vom Berliner Ensemble – sie spielte noch unter Brecht – und der Journalist Eckart Spoo. Die drei haben den Berliner Heine-Preis initiiert. Auch Rolf Becker, blendend aussehend mit seinen 72, hat seine Rolle gefunden. In der sonoren Art eines braun gebrannten alten Partisanen hat er die 50000 Euro sicher über alle Grenzen in die Enklave geschafft. Alles gut gegangen. Gut auch, dass in diesem Jahr das alte julianische Ostern der Orthodoxen und das gregorianische des Westens in eins fallen. Eine kalendarische Rarität. Ein Zeichen? Velika Hoča feiert Ostern, wenn wir in den westlichen Säkularstaaten in unsere Osterferien fahren.

Hier indessen lauern interkulturelle Schlaglöcher, tiefer als die der Pisten des Kosovos. Sie haben mit Peter Handkes Idee des Wirklichen zu tun, die er auf seinen Wanderungen in Jugoslawien gefunden und in mehreren Büchern beschrieben hat. Sein Land des Wirklichen, das ist der Ort, an dem die Dinge erscheinen, auf die Lichtung treten und nicht in einem, wie Heidegger sagen würde: Gerede und Gestell ihr Antlitz verhüllen.