"Ich habe nie Partei ergriffen. Ich habe dieses unerzählte Land erzählt. Ich habe immer Pathos und Nationalismus abgewehrt, wenn ich hier war. Ich habe immer nur gesagt: Ich bin hier. Und ich war auch hier in der Kriegszeit."

Wer Handkes Abschied des Träumers und die anderen Jugoslawien-Texte noch einmal liest, absichtslos, ohne festen Entlarvungsvorsatz, kann den suchenden Ton darin nicht überlesen. Wenn er die serbische Kosovo-Politik kritisiert. Wenn er fragt, wo der serbische Stauffenberg sei, der einen Karadžić beseitigte. Wenn er sich selbst infrage stellt, eigene Ansichten.

Was mit Peter Handke und der Welt geschieht, ist ungefähr dies: eine chemische Reaktion zwischen Dichtung und Wahrheit. Der Wanderdichter Handke gelangt dahin, seine literarische Welt in einem realen Land zu finden und zu verorten. Er wandert schon als junger Mann viel in Slowenien, woher seine Mutter stammt. Er mag ein wirkliches Land namens Jugoslawien, das aus eigener Kraft aus dem Kampf gegen Hitler hervorgeht. Eines, das sich seinen Weg sucht durch die großen Blöcke Ost und West hindurch.

Man mag sagen, sein "Neuntes Land" sei der poetisch hochgerechnete "Dritte Weg" des Tito-Staates, aber das wäre bloß Ideologiekritik. Das "Neunte Land" ist natürlich das Land des Dichters. Es heißt genauso wie das Land auf der Karte, die in den Fernsehnachrichten erscheint, aber es liegt nicht da, wo jenes liegt, darunter vielleicht, dahinter oder darüber. War denn Eichendorffs Deutschland identisch mit dem nachnapoleonischen Land aus den Geschichtswerken – oder war es Eichendorffs Traum?

Aber Handkes Liebe zu seinem Land geriet massiv in die Politik, in den Krieg. Dass er die jugoslawische Idee verteidigt hat, ist kein Wunder. Was sollte er sonst tun – es ist Ort seiner Dichtung. Natürlich, ganz unschuldig ist er nicht an deren Politisierung. Irgendetwas ist im Schreiben oder vielmehr im Schriftsteller, das ihn drängt, den Bezirk der Autorschaft zu verlassen und politisch zu werden. Handke weiß das. Er bedauert seinen Hang dazu explizit in seinem Jahr in der Niemandsbucht. Aber in Jugoslawien war Krieg.

"Es ist tragisch", sagt er. "Es hätte eine Friedenskonferenz mit internationalen Garantien sein müssen vor den Sezessionskriegen. Es gab vierzig Prozent Serben in Bosnien und dreißig in Kroatien, und plötzlich sollen die in einem rein bosnischen, die anderen in einem rein kroatischen Staat leben. Natürlich gab das Kämpfe. Und Izetbegović wollte ursprünglich einen Scharia-Staat in Bosnien. Die Mudschahedin sind gekommen. Sie haben gekämpft wie die Teufel. Jugoslawien war eine schöne Idee, sie hat nicht gesiegt."

Was das heißt, zeigt ein Spaziergang durch Velika Hoča, das einmal ein Weindorf war in einer renommierten Weingegend. Nur noch ein Drittel seiner Hänge wird bearbeitet – das im Schutz des KFor-Postens auf einer Anhöhe liegt. Auf die anderen trauen sich die Dörfler nicht, sie fühlen sich von den Albanern bedroht, "aus Gründen oder nicht", sagt Handke. Tatsächlich wurden vor Jahren zwei junge Männer auf dem Feld erschossen. Heute bleiben die Alten, die Jungen gehen nach Serbien, hier in der Enklave warten nur das tägliche Herumsitzen in billigen Cafés, Armut und langsames Aussterben auf sie. Und Belgrad schickt Geld, damit das Dorf noch ein bisschen weiterexistiert. Den jungen Männern fehlten die Mädchen zum Heiraten, hat der Priester gesagt. Die gingen zuerst fort.

Das kann man alles verstehen. Kriege, Zerfall des Staates, ethnische Säuberungen. Aber eine Frage an Handke bleibt. Warum Milošević? Musste das sein, dieser Auftritt am Grab?