Neue Kommunikationswege haben schon immer die Fantasie der Menschen beflügelt. »Die Dimension des Raums wird sich, im Hinblick auf praktische Information, vollständig auflösen«, prophezeite etwa ein Bericht des Handelskomitees im amerikanischen Kongress, veröffentlicht am 6. April 1838. In solche Verzückung versetzte die Autoren damals die jüngste Erfindung Samuel Morses, der Telegraf. US-Soldaten surfen im Internet BILD

160 Jahre später löst das Internet einen Rausch aus. Nicht nur Wirtschaft und Politik, sondern auch das Militär stürzten sich auf das scheinbar unbegrenzte Potenzial des World Wide Web. Network-centric warfare heißt seit Ende der neunziger Jahre das Leitmotiv westlicher Streitkräfte: netzwerkbasierte Kriegsführung. Das Leitbild des US-Verteidigungsministers Donald Rumsfeld sah etwa so aus: Ein bärtiger Soldat der Spezialkräfte erkundet reitend den Hindukusch, per Laserortung identifiziert er den Gegner, er sendet die Zieldaten vom Rücken des Pferdes an einen Satelliten, der leitet sie aus dem All an die Einsatzzentrale der Luftwaffe weiter, und im nächsten Moment lässt ein B52-Bomber Präzisionsbomben herabregnen. In »netzwerkzentriert« geführten Operationen sollten Kampfverbände über Landesgrenzen, Teilstreitkräfte und das bisher Denkbare hinaus verzahnt werden.

Soldaten präsentieren sich im Netz mit ihren Erfahrungen

Viele Unternehmen erwirtschafteten im Internetboom 2001 keinen Gewinn, die Investitionsblase platzte, und der Neue Markt kollabierte. Analog zeigt sich im Irak und in Afghanistan heute, dass die neuen »transformierten Streitkräfte« ebenso keinen Sieg zu erbringen vermochten. Doch während auf den Märkten unter dem Banner »Web 2.0« heute Profit erwirtschaftet wird, zeigt sich auf dem Gefechtsfeld eine andere Dynamik: Die Netzwerk-Kriegführung ist längst kein Privileg der Generäle mehr. US-Soldaten im Feld knüpfen eigene Internetkontakte – die Konkurrenz jedoch, also der militärische Gegner, hat die Nase vorn. Die Gefechtsführung – besonders bei der Organisation und Niederschlagung von Aufständen wie im Irak und in Afghanistan – ist im Begriff, sich auf ähnliche Weise zur Basisangelegenheit zu entwickeln wie die Film- und Freundesplattformen YouTube oder MySpace. Die User selbst bestimmen den Inhalt, die Kombattanten den Kriegsverlauf. Willkommen im Krieg 2.0.

Ein Beispiel ist die Website CompanyCommand.com des amerikanischen Heeres. Die Seite wurde im Jahr 2000 von vier Hauptleuten gegründet, um eine Onlinediskussion praktischer Probleme über Kompaniegrenzen hinaus möglich zu machen. Ohne Erlaubnis ihrer Vorgesetzten und ohne finanzielle Unterstützung. Heute sind 6200 Offiziere angemeldete Mitglieder, etwa die Hälfte der aktiven Kompaniechefs nutzt laut Angaben der Betreiber die Seite. 2006 wurden eine Million individuelle Seiten gesichtet. Ähnlich wie bei MySpace präsentiert sich jeder Soldat mit einem Profil, Bild, Lebenslauf und Erfahrungshintergrund. Diskutiert werden unmittelbare Probleme: dass Soldaten auf Patrouille eine Gummilasche dabeihaben sollten, um offene Verletzungen besser abbinden zu können, oder welche administrativen Schritte bei einem Todesfall in der Einheit einzuleiten sind. »Die durch die Onlineverbindungen ausgelöste Lernerfahrung«, sagt Pete Kilner, einer der Gründer, »hat einen echten Einfluss auf die Kriegführung«. Die jüngste Neuerung der Betreiber ist Video-Podcasting: Kompaniechefs, die in den Irak oder nach Afghanistan geschickt werden, können sich nun unterwegs ausführliche Interviews mit ihren Vorgängern, sogenannte Debriefings, auf ihren iPods ansehen und anhören. Im Irak erkannte die Armee das Potenzial der Seite, gab Geld und integrierte ähnliche Projekte wie PlatoonLeader.org in die offizielle IT-Architektur.

Mittlerweile guckt sich sogar die elitäre US-Marineinfanterie die neuen Methoden des Heeres ab. »Es ist hart für einen Marine, zuzugeben, dass die Armee etwas besser macht«, schrieb Leutnant Andrew Schilling in der Marine Corps Gazette . Das Internet wird bereits seit Langem zum Wissensaustausch und zur Kontaktpflege in Offiziersschulen genutzt, etwa um Tipps und Unterrichtsmaterial auszutauschen, Navygouge.com ist ein Beispiel.